Schiefe Ebene - Texter Sautter
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Schiefe Ebene

Warmfahren, Etappe 2 (Bad Rippoldsau – St. Georgen)

Jemand Bock ’ne Schwarzwaldklinik zu kaufen? In Bad Rippoldsau steht eine rum. Typisch Schwarzwälder Moderne, also eckig und duster. Die alte Klinik in Bad Rippoldsau ist ein Komplex aus den Siebzigerjahren mit einer Nutzfläche von rund 30.000 Quadratmetern. Platz hätt‘s. Leer seit 2011. Paar Schönheitsreparaturen sollte man machen. Unter anderem die Spuren der letzten Lost-Place-Party wegwischen. Danach sollen einige Partygäste mit allerlei Vergiftungen ins Krankenhaus gekommen sein. Praktisch Klinikhopping. Wir standen am frischen Dienstagmorgen gegen Neun davor. Eher keine Partylaune. Dafür Kletterlaune.

Erster Pass gleich Baustelle. „I däds net macha“ sagt der Bauarbeiter, als ich mich erkundige, wie man um den frischen Teer rumkommt. Aber bitte, wir sind selber groß. Es gibt noch den Waldweg. Feinster Gravel. Ziemlich steile Wegführung, wenn man etwas kritisieren will. Schiebeeinlage unvermeidlich, aber tolle Aussicht oben. Hast du sonst eher weniger. Weil Schwarzwald. Auch an den Gipfeln. Nicht so am Schwarzenbruch. Schööön.

Zweiter Gipfel Brandenkopf. Träumchen. Anfang April bleibst du auf dem höchsten Berg des Mittelschwarzwalds allein. Trotz Aussichtsturm und opulenter Berghütte. Jedes Jahr im Mai findet dort ein Gipfeltreffen statt. Hochkarätige Besetzung. Die fünf Bürgermeister der umliegenden Gemeinden. Kann mir schon denken, was die in der Berghütte besprechen. Sagen wir so: Nüchtern gehen die nicht nach Hause. Und mit dem Rad auch nicht.

Dritter Berg: Heuwies. Kennt keiner und das ist das Problem. Diese unbekannten Feldwegsauffahrten landschaftlich immer Wow! Aber Steigungsprozente auch Wow. Sagen wir so: Langsamer kann ich nicht treten, sonst fall ich um. An der letzten Rampe hat mich fast ne Spaziergängerin mit Hund überholt. So ist das halt, wenn du die Geheimtipps suchst und übersiehst, dass die Geheimtipp-Website quäldich.de heißt.

Danach keiner mehr von uns Kletterlaune. Was haben die geraucht in der Klinik? Wir hätten gerne was davon. Einen Pass bekommen wir dann geschenkt. Fohrenbühl. Da sind wir von der Seite rangeeiert. Praktisch ebenerdig. Was es da zu sehen gab, das steht in der Erkenntnis des Tages. Da ich zu keiner mehr fähig bin, hat Sportskamerad Dietrich erkenntnistechnisch ausgeholfen.

Erkenntnis des Tages: Dass der Schwarzwald mit topographischen Grillen aufwarten kann, davon hat der Tourgenosse Sautter schon gestern berichtet: Doch nicht genug, dass man in dieses Mittelgebirge von Osten hinunter fährt, man radelt auch die Täler nach Süden hinauf. Die einen langsamer, Bernd eher schneller. Für Außenstehende ist es einfach eine tiefergelegte schiefe Ebene, nein besser eine tiefergelegte schiefe Buckelpiste. Wer drin rum fährt dem raubt das exaltierte topografische Getue dieses deutschesten aller Mittelgebirge die letzten Körner. Vor allem Dienstags. Da sollte man seine Wegzehrung am Besten am Mann tragen, denn auf Unterstützung der grossflächig herumstehenden Ausflugsgastronomie darf man nicht hoffen. Doch Ruhetag ist ja immer nur relativ und ein Ansporn zur Improvisation- In Wolfachs Bäckerei kann man auch Penne bekommen An der Passhöhe „Föhrenbühl“ reicht man aus dem geschlossenen „Adler“ Limo für Radler. Und lahme Enten. Dort oben an der Grenze zwischen ehemals Vorderösterreich und Württemberg pflegte man im Namen des Umsatzes schon immer einen kreativen Umgang mit offiziellem Regelwerk Während auf der Württembergischen Seite beim Adler das Geschäft wegen des Schlagbaum Stopps blühte, fristete der Schwanen auf der erst österreichischen dann badischen Seite sein Dasein als Drive By Restaurant. Deshalb bestand der Wirt auf einen eigenen Schlagbaum zur Umsatzsteigerung. Die Mövenpicklobby war schon 1785 einflussreich und erwirkte tatsächlich die Verlegung der badischen Zollabfertigung aus Hornberg an den Pass. Zwei Schlagbäume , zwei Kneipen bis heute Dienstag geschlossen. Relativ. Rad“sport“ freund Krauss durfte hier zwischen tanken, während Bergfahrer Sautter bereits am Zielort einfuhr – allerdings mit der letzten Luft. Aber diese Geschichte vom tête de cours müssen andere berichten.

Äh, ja Dietrich. Doppelt platt. Die letzte Gravelstrecke hat mein Semirenner nicht so prall verkraftet. 500 Meer vor dem Ziel war die Luft raus. Ja dann schiebsch halt. „I däd‘s macha“

Schwarzwaldklinik lost
Brandenberg
Wildbach
Auch Wolfach
Schiltach
Zur Etappe 1 des Warmfahrens:
Zu Etappe 3 des Warmfahrens: