Weltfrieden - Texter Sautter
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Weltfrieden

Deutschland-Protokoll (Etappe 4) TangermündeSchönebeck, 89 km, 220 Höhenmeter

Du kannst jetzt sagen „Radeln für den Weltfrieden, was ist denn das für ein romantischer Quatsch? Wahrscheinlich Propaganda“. In der Tat ist der Anspruch der Friedensfahrt kein geringer. Die Friedensfahrt war die „Tour de France“ des Ostens. Geboren 1948 in der Tschechoslowakei und Polen. Ein paar Jahre später kam die DDR dazu. In den Nullerjahren trudelte die Friedensfahrt aus. Seit die DDR dabei war in dieser 3-Länder-Rundfahrt, sagte man Friedensfahrt zu diesem Etappenrennen. 1949 hatte Picasso für den Weltfriedenskongress in Paris eine weiße Taube gezeichnet. Sie flatterte auch im Osten Europas und wurde zum Erkennungszeichen des Radrennens. Man sollte das schon aus der Zeit heraus sehen. Der zweite Weltkrieg war grad erst vorbei. Und jetzt Radrennen über Grenzen hinweg? Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche gemeinsam als Veranstalter? Das war Mindestens erstaunlich! Vor allem, wenn Deutsche dabei waren. Die Polen waren mehr als nur nasrümpfig. Wer will es ihnen verdenken.

Aber die Friedensfahrt etablierte sich. Ein Volksfest im Mai. In drei Ländern gleichzeitig. Natürlich passte sie wunderbar in sozialistische Weltbild. Ein ideologisches Träumchen. Radrennen verbindet. Die Parteibonzen hielten Hof auf den Ehrentribünen. Die Sportler bewiesen die Überlegenheit des Systems. Weltfrieden feiern, aber an der Mauer die Leute erschiessen. Man kann die ideologische Überhöhung der Friedensfahrt mit Fug und Recht kritisieren. Man sollte sogar. Andererseits: Wenn Du als Neunjähriger an der Straße stehst, und dir die Lehrerin gesagt hat, dass die Radler aller Länder kommen und sie auch für Deinen Weltfrieden fahren, kann man schon fasziniert sein. Mit Fug und Recht. Der neunjährige Horst Schäfer wollte vor allem Tarek sehen. Tarek Aboul-Zahab. Ein Libanese fuhr mit! Favorit war er nicht. Aber Schäfer war das egal. Die Staatsorgane feierten die DDR-Helden. Der kleine Horst feierte Tarek. Ein radelnder Libanese. Und der Libanese schaffte es sogar an zwei Austragungen durchzuhalten.

Heute betreibt Horst Schäfer das Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen. Er wohnt nebenan. Das Museum ist sein eigentliches Wohnzimmer. Offizieller Betreiber ist ein Verein. Es brauchte viele Leute und noch mehr Spenden um das Museum vor rund fünfzehn Jahren einzurichten. Aber eigentlich ist Horst das lebendige Museum. Es gibt wirklich nichts, was Horst über die Friedensfahrt nicht weiß. Es geht ihm vor allem darum, die große Idee der Friedensfahrt zu erhalten. Menschen sollen über Grenzen hinweg zusammen kommen. Das treibt den Friedensfahrer an. Früher sowieso. Und in Kleinmühlingen noch heute. Allein 11 Sieger der damaligen Austragungen besuchten schon Horst’s Wohnzimmer. Kaum zu fassen: Heute war sogar ein Schwabe zu Gast.

Die Attraktion des Museums sind nicht die vielen Sammlerstücke. Es ist der Sammler selbst. Geschichtensammler. Aus seinem Mund zweifelt man keine Sekunde am radlerischen Weltfrieden. Dabei ist Horst keine Sekunde romantisch. Er schwärmt, und kennt doch auch die miesen Geschichten aus den sozialistischen und später halbinternationalen Radsport, der die Friedensfahrt versuchte ins nächste Zeitalter zu retten. Leider vergeblich. Aber solange Horst sein Museum hat, besteht Hoffnung. Ich hatte das wundervolle Vergnügen bei ihm zu Gast zu sein. Seine Frau Gudrun hatte Kuchen gebacken. Kaffeekränzchen und Radsport.

Eines Tages, so um 2011 herum, landete Horst mit seiner Tarek-Verehrung im Internet. Ein halbes Jahr später meldeten sich Tareks Töchter aus dem Libanon. Bald darauf besuchte der 72-jährige Libanese das Museum in Kleinmühlingen. (Wer jetzt kein Pipi in den Augen hat, dem kann ich nicht mehr helfen) Horst war schon zweimal in Beirut zu Gast. Wenn Corona will, kommt Tarek bald wieder.

Du kannst jetzt sagen, wir brauchen Klimaschutz, Toleranz gegenüber Minderheiten, echte Solidarität und weniger Trolle im Netz. Aber wird brauchen auch Leute wie Horst. Leute, die ihr halbes Leben an eine spinnerte Idee verschwenden und mit ihren Begegnungen am Ende doch ein ganz kleines bißchen Weltfrieden herbeizaubern.

Erkenntnis des Tages: Horst hat mein Rad mit einer Friedenstaube geadelt. Jetzt mal abgesehen vom Weltfrieden. Mit wär angesichts meiner Beine schon geholfen, wenn sie ab morgen ein wenig für mich mitflattert.

Friedensfahrt Museum, Kleinmühlingen
Magdeburg
Rogatz
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