Hallo - Texter Sautter
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Hallo

Deutschland-Protokoll (Etappe 5) SchönebeckTanne, 114 km, 1070 Höhenmeter

Schon mal in Sachsen-Anhalt Urlaub gemacht? Kein Top-Reiseziel, gewiss nicht. Liegt aber auch daran, dass man selten drauf kommt, das Bundesland zu erwähnen. Auch wenn man es tut, fährt man vielleicht in den Harz, oder schaut sich Tangermünde, Quedlinburg, die Lutherstadt oder das Bauhaus in Dessau an. In Sachsen-Anhalt ist man damit eher beiläufig. Sachsen-Anhalt ist halt auch da. Sowas wie ne eigene Identität, da tun sich die Anhalter schwer. Muss ja auch nicht sein. Ich genieße beispielsweise das „Hallo“ mit dem hier gegrüßt wird. Hallo. So einfach. Kein merkwürdiges Grüßgott, als ob man den Gott Grüße. Kein wanzendes Servus oder rituelles Moin. Einfach Hallo wie es in deutschen Duden steht. Herzlich und klar.

Und auch keine Variante. In Italien sagst du ja Buongiorno, dann sagt derdie Andere Salve. Sagst du Salve: Buongiorno. Immer anders. In Österreich sagst du Servus, kriegst du ein Griaßdi. Sagst Du Griaßdi, prompt Servus. Hier sagst du hallo, weißt du auch, was zurückkommt. Hallo. Schnörkelos und gut ist das.

Dafür wurde das Wort erfunden. Auch sonst fühlt sich Anhalt irgendwie Deutsch an. Die Regionalität drängt sich nicht so auf. Zum Beispiel Quendlinburg. Schöne Stadt. Aber hallo! Aber eben nicht anhaltinisch geprägt. Gibts das Wort anhaltinisch überhaupt? Sächsisch-anhaltinisch macht’s auch nicht besser. Land ohne Eigenschaften irgendwie. Was ja nicht ganz stimmt. Es hat unheimlich viel Platz hier. Überall. Ist doch auch was. Wenn wir Menschen alles verschandelt haben, wird das noch was wert sein.

Und spannend ist es. Da denkst du ja: Der Harz. Selbst wenn da als 55-jähriger dahin fährst, senkst du noch den Altersschnitt. Stimmt aber nicht. Was aktuell passiert, ist verstörend und bemerkenswert zugleich. Denn vor vielen Jahrzehnten haben wir Menschen den Harz ganz schön verschandelt. Wir haben den Wald abgeholzt, und mit Blick auf unseren eigenen Vorteil mit Fichten wieder aufgeforstet. Kann man machen, die wachsen schnell, aber es ist halt Scheiße. Fichten wurzeln flach. In Fichtenwäldern wächst nichts anderes. Außer Fichten. Biodiversität gleich null. Aber inzwischen kennt jeder den Harz so: Fichte. Fichte. Fichte, aber auch Fichte. Wenn du Heimatkunst aus dem Harz anschaust, ist da sogar noch Mischwald von damals zu sehen. Divers halt. Mit der Realität hatte Heimatkunst noch nie was am Hut.

Diverse Systeme sind stabiler. Das lehren fast alle Biologen. Und so hat’s den Fichtenharz jetzt voll erwischt. Sturm und Borkenkäfer haben den Monofichtenharz schon vor Jahren arg ramponiert. Klimawandel hängt natürlich auch damit zusammen. Im Harz trifft er auf eine Vegetation, die nicht dahin gehörte. Als ich in die Höhenlagen emporstrampelte, war da nur toter Wald. Keine sichtbare Aufforstung, nichts. An ihrer Stelle: Haufenweise Infotafeln. Die Naturschützer stecken im Dilemma. Sie müssen ihr Nichtstun erklären. Sie wollen die Natur wieder wachsen lassen, wie sie Lust hat. Hier und da ein paar Hilfestellungen. Aber im Grunde: Nichtstun. Das erklären sie wortreich via Infotafeln. Kein Fichtenharz. Ein Infotafelharz. Natürlich ist nicht jeder Einheimische damit glücklich. Der Hotelier ist längst zum Biologen geworden. Mehr als dreimal am Tag erklärt er das Großprojekt.

Ob das alles so klappt mit dem neuen alten Harzwald, fragen sich viele. Einstweilen ist der Harz ziemlich anhaltinisch geprägt: Arg viel Platz da. Aber hallo!

Erkenntnis des Tages: Mein Trikot heute auch zeitweise ein Naturpark. Haufenweise kleine Mücken. Ich bin doch keine Windschutzscheibe nach der Rückfahrt vom Familienausflug nach Italien. Und immer schön drandenken, Bernd: Durch die Nase atmen, so lange du noch kannst. Mittagessen gibts später.

Sachsen-Anhalt
Radwege
Harzer Kaffeepause in Elend
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