Der Sound des Fortkommens - Texter Sautter
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Der Sound des Fortkommens

Der Sound des Fortkommens

Ronde, Etappe 3, Neunkirchen – Echternach, 130 km, 1.200 Höhenmeter.

Die Leute im Saarland top. Unkompliziert, herzlich, freundlich. Nicht das Bayrische, wo du als Gast nur die Auswahl hast zwischen dieser antrainierten Dienstleistungsfreundlichkeit und völligem Ignoriertwerden. Nichts dazwischen. Im Saarland dagegen, als wenn du gestern erst mit den Leuten gesoffen hättest. Als würde man sich kennen, obwohl man sich eben nicht kennt. Auch nichts rheinisches, also das etwas zu überschwängliche. Auch nichts schwäbisches, also hoffentlich ist er bald weg. Nee, Saarland einfach. Klasse Leute. Landschaftsbild definitiv was für Feinschmecker. In Ensdorf steht ein riesiges Dreieck auf einer Abraumhalde. Das Trumm siehst du von 20 Kilometern Entfernung. Saarpolygon. Nennt sich Industriedenkmal. Dabei ist halb Saarland ein einziges Industriedenkmal. Neunkirchen, Friedrichsthal, Sulzbach, Dudweiler. Jetzt nichts, in das man sich spontan verlieben würde, so zweiterwohnsitzmäßig. Auch keine Nebennoten von Kiefer oder Zirbelholz in der Luft. Stattdessen Kohleheizungen in der Nase. War aber auch frostig am Montagmorgen. Inversion. Kalte Luft zum Schneiden. Ich hatte alles, was ich dabei hatte, übereinander angezogen. Also als radelnder Astronaut durch Friedrichsthal. Sagen wir so: Mein Beitrag zur Verschönerung der Saarsuburbs blieb ebenfalls überschaubar.

Ich hatte es eh eilig. „Einregnen“ war vorhergesagt von Kachelmann und Kolleginnen. Also mal hübsch zackig, so lange es nur kalt ist. Riegelsdorf, Köllerbach, Irgendwas. Stilprägend für Saarland übrigens: Autobahnen. Nicht, dass ich immer an derselben langgefahren wäre. Dauernd andere Nummer am A. Eins, acht, sechshundertzwanzig. Dauernd Anschlussstelle. Und bloß nicht falsch abbiegen. Nur zum Schluss, an der Saar entlang: selbe Nummer 8. Zwanzig Kilometer Radweg zwischen Autobahn und Fluss. Mögen die Leute hier, typisch fürs Saarland sagen die. Aber praktisch: Bei Autobahnakustik bummelst du nicht. Der permanente Sound des Fortkommens. Also rein in die Pedale. Immer kurbeln. Schwung mitnehmen. Du weißt ja, dass die Wolken kommen.

Saarschleife… nee. Bloß nicht mein Saarlandbild gefährden. Weiter Tritt rund halten, das ist ästhetisch, sagen nicht nur die Franzosen. Ist ja was dran an der brachialen Fahrweise der Flandriens. Wenn du über Pavé fährst, muss du von oben nach unten treten. Nicht so rund wie der große Indurain, so gleichmäßig wie die Kolumbianer oder so regelmäßig wie Anquetil, der Chronometer auf den Fahrrad, allesamt Ästheten. Schön kommst du keinen Helling hoch. Die eleganten Bergspezialisten selten vorne bei den belgischen Klassikern. Für die steilen Rampen brauchst du schweres Gerät, Oberschenkel wie Ackergäule, grad wenn die Rampen Kopfsteinpflaster haben. Fachbegriff: Hellinge. Die musst du bezwingen. Mit roher Kraft. Brachial. Ich übe das mal auf der Ebene. Also das Runde. Helling ja erst später. Nicht nur von oben nach unten treten, sondern das Pedal hübsch auf der anderen Seite wieder hochziehen. Kurbeln. Rund kurbeln. Immer weiter rund kurbeln. Und dann denk ich wieder an was anderes, sehe Saarburg und erreiche die Mosel – und zack, da fährt er wieder im eckigen Flandrienstyle auf dem flachen, geteerten Flussradweg. Lang bevor der erste Helling in Sicht kommt.

Auch in Luxemburg feine Leute. Ganz tolle Sprache. Bin ja das erste Mal hier. Nebentisch unterhält sich auf luxem… dings. Könnt ich ewig zuhören. Satzmelodie und Vokale fast wie bei uns. Da denkst du, solltest du doch verstehen, also genau zuhören, aber du merkst trotz spitzester Ohren: du verstehst gar nichts. Überhaupt nichts. Null. „Moien“ wird man begrüßt. Das verstehe ich noch. Danach Feierabend. Obwohl sich’s so vertraut anhört. Also nochmal genau hinhören, wär doch gelacht… ach, doch nicht. Ich verstehe kein Wort. Hört sich aber lustig an. Übrigens, meine Fahrweise hat sich heute gelohnt. Fünf Minuten nachdem sich der Himmel öffnet, erreiche ich das Tagesziel. Fast schad um das pittoreske Grenzflüsschen namens Sauer. Natürlich ohne A. Es hätte mehr Sightseeing verdient. Aber ich hatte eine trockene Mission. Der Himmel war schon dunkel. Also zackig. Der Astronaut auf Rädern erreicht das Tagesziel echt angenässt und echt glücklich. Notiz an mich selbst, live vom Echternacher Marktplatz: Nasses Kopfsteinpflaster sehr, sehr ernst nehmen, auch wenn die Konzentration nachlässt. Sonst trete ich bald von oben nach ganz unten. Praktisch Ästhetik am Hosenboden.

Erkenntnis des Tages: Echternach hatte als eine der ersten Städte in ganz Europa elektrisch Licht, auch öffentlich. Und im kleinen, aber feinen Zentrum, leuchtet an jeder zweiten Fassade der Schriftzug Brasserie. Die Luxem… dings so freundlich wie die Leute im Saarland. Mindestens

Neunkirchen, Ellenfeld
Saar mit Saarpolygon
Schwalbach
Saar bei Schoden