Höchsten - Texter Sautter
18341
post-template-default,single,single-post,postid-18341,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,footer_responsive_adv,qode-theme-ver-9.2,wpb-js-composer js-comp-ver-4.11.2.1,vc_responsive

Höchsten

Spritztour (Etappe 2) Sigmaringendorf – Teufen

Können die Schweizer noch so hohe Berge haben, wir Schwaben haben den Höchsten. So heißt der oberschwäbische Höhenzug, der am Vormittag auf der Speisekarte stand. Am bereitgestellten Bänkle des Uphill Freundeskreises fanden wir uns in würdiger Gesellschaft zweier RadfahrerInnen. Eine vortreffliche Einheimische, Figur Deutsche Bergzeitfahrmeisterin, und ein Sachse, Figur wie wir (beide zusammen). Quizfrage: Wer von den Vieren ist jetzt Impfskeptiker? Soll ja jeder wie er will. Alles locker. Trotzdem sollten wir Impftalk bitte in den nächsten Tagen vermeiden. Michl hat angekündigt, dass er dem Nächsten dieser Sorte verrät, dass er seit seiner zweiten Spritze viel besser ins Internet kommt.

Heute ein Tag, über den Du im Netz eigentlich nicht schreiben kannst. So schön. So vollendet. Das glaubt dir kein Mensch. Die Abfahrt runter vom Höchsten, hin zum See. Träumchen. Sonne über klarer Luft. Auf dem See hast du die Farbe jedes Kinderschwimmflügels aus 40 Kilometer Entfernung erkannt. Kaum ein Auto unterwegs, frische Luft ums Näschen, und hinten, über allem, thront das Gipfelkreuz des Säntis. Wir zielen nach Friedrichshafen und setzen mit der Fähre über. Nicht mal das angekündigte Gewitter stellt sich ein. Vor lauter Wonne grüße ich sogar einen E-Biker.

Auch die harte Arbeit erledigen wir rhythmisch wie selten. Ab Rorschach wird unsere Route schräg. Das fähr-entspannte Bein hat ne satte Nachmittagsschicht zu absolvieren. Die gewünschte Fitness stellt sich ein. Nach einer Stunde schauen wir von oben auf den See, sogar auf den Zeppelin schauen wir von oben herab. Zugegeben, wenn man einen Funken Grips im Hirn gehabt hätte, hätte man unten die Trinkflaschen aufgefüllt. Kurz vor dem sogenannten Fünfländereck hatten wir beide Ebbe. Aber es ist ein schöner Tag. Wir biegen in einen Weiler. Dort plauschen zwei Damen übers Gartentor hinweg. Die eine springt ins Haus, füllt unsere Flaschen und gibt sogar noch Eiswürfel hinein. Frisches Quellwasser sei das, die Quelle würde hier oben nie versiegen, und falls doch, würde Seewasser herauf gepumpt. Das sei aber noch nie passiert. Notfalls Bodenseewasser also. Was soll man da sagen, wenn man als Stuttgarter mit der Bodenseewasserversorgung aufgewachsen ist. Memo an mich: Deutsche Wörter sammeln, also typisch deutsche. Erste Auswahl: Schrittgeschwindigkeit, Mehrzweckgebäude, Bodenseewasserversorgung, Pferdedeckenwäscherei.

Erkenntnis des Tages: [parental advisory: explicit lyrics] Man soll perfekte Tage genießen, so lange man kann. Kann sich jemand an den Girosieg von Tom Dumoulin im Jahr 2017 erinnern, genauer gesagt, an die Szene auf der Königsetappe, als sein rosa Trikot in Gefahr war? Jaja, die Radpresse schrieb von einer plötzlichen Zwangspause für den Führenden im Gesamtklassement. Vielleicht hätte ich die eiskalte Flasche Superwasser nicht ganz so schnell herunter stürzen sollen. Aber auch in der Schweiz gilt: Wo ein Flehen ist, ist auch ein Gebüsch. Ich erwähne das nur, weil ich zu Beginn geschrieben hatte, dass solche Touren erst durch Pannen und Misslichkeiten richtig lustig werden. Ach… hätte ich mir das nur verkniffen. Dass mir keiner kommt, ich wäre über die Abgründe hinweg gegangen, die selbst perfekte Tage auf einer solche Tour bereit halten. Morgen geht‘s weiter.

Vor dem Höchsten
Michls Etappenplan
Rorschach
Fünfländereck
Tags: