Städte an Seen - Texter Sautter
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Städte an Seen

Städte an Seen

Deutschland-Protokoll (Etappe 2) Timmdorf – Hitzacker

Kleinstädte mit See im Vordergrund fotografiere ich jetzt nicht mehr. Wenn du aus Württemberg kommst, denkst Du erst: Och… schön. So eine Stadt am kleinen See. Hach… Nach Plön, Malente, Eutin, Ratzeburg und wie sie alle heißen, merkst du, das du halt auch nur ein Tourist bist. Hier hat jede Stadt ihren eigenen See angelegt. Da haben die Leute früher ihre Wäsche drin gewaschen. Große Stadt, großer See. Damit alle am Ufer zum Waschen Platz haben. Logisch. So ein großer See war früher ein Argument für Zuzug. Hej, mit Waschplatz! Im Kampf um gute Leute für die städtische Wirtschaft war das natürlich ein Pfund. Wie heute die niedrige Grunderwerbssteuer. Städte mit großen Seen waren klar im Vorteil, wenn es darum ging gute Leute zur Ansiedelung zu überreden. See auch besser als Fluss. Da ist die Wäsche früher immer weggetrieben worden von der Strömung. Problem, Problem. Erst als man die Wäscheleine erfunden hat, konnten die großen Städte an den Flüssen entstehen. Damit haben die Leute die Wäsche angebunden. Sonst konnte sich ja die Düsseldorferin über die Wäsche aus Köln freuen, die hat sie nur rausfischen müssen, wenn sich mal wieder eine beim Waschen doof angestellt hat. Erst als man dann zuhause waschen konnte, wurde die Wäscheleine zum Trocknen zweckentfremdet. Darum heißt sie heute noch Wäscheleine. Eigentlich müsste sie ja Trockenleine heißen.

Für den Norden ist Rennradtempo fast zu schnell. An den vielen Kleinigkeiten radelst du viel zu schnell vorbei. Vor Lübeck hatte ich kurz Rückenwind. Berghoch wie ein Moped. Den Fehler mach ich gerne morgens. Mit Rückenwind galoppiert das schnelle Pferd noch schneller. Easy. Halt nur paar Minuten. Mehr nicht. Schon am Mittag ist’s aus mit easy. Und dann knickt die Route. Der Wind bleibt.

Lübeck. Gute Stadt. Lange Ausfallstraße in östlicher Richtung. Einmal abbiegen und plötzlich nichts mehr. Also Wald schon und Natur auch. Aber Dörfer kaum. Und ganz weit auseinander. Zwischen Ratzeburg und der Elbe fast gar nicht mehr. Nichts, dann die Autobahn Hamburg – Berlin. Wieder nichts. Dann die Bahnstrecke Hamburg – Berlin. Und dann lange nichts. Der Landkreis Ludwigslust – Parchim hat die geringste Bevölkerungsdichte von ganz Meckpomm. Also sogar weniger als Pomm. Gut, dass ich meine Getränkeflaschen in Ratzeburg nochmal gefüllt habe. Sind wir eigentlich alle sicher, dass es die DDR nicht mehr gibt? Jetzt nur mal theoretisch. Irgendwo dort könnte sie noch versteckt sein. Ein DDR-Refugium sozusagen, unbemerkt von der restlichen Zivilisation. Im Landkreis Ludwigslust – Parchim. Das würde keiner merken. Dort fliegt nicht mal Google Earth drüber. Oder getarnt als großer Bauernhof. Manche riesige Felder sind eingezäunt. Vielleicht ist der Zaun gar kein Zaun. Sondern Grenzanlage. Dahinter regieren die Untoten der SED. Merkt nur keiner. Irgendwo zwischen Zarrentin und Camin kam mir der Gedanke. Da sollte mal bitte jemand die Gegend durchkämmen. In Kogel bei Camin hab ich nachgeschaut. In den 15 Häusern entlang der Straße wohnt niemand mehr. Sieht jedenfalls nicht danach aus. Vielleicht waren es die Kogeler, die den Sozialismus hinterrücks wieder einführten und alle dort leben: in der versteckten DDR. Nicht weit weg von Kogel. Hinter den Sümpfen der Schaale. Die sind ebenso schön wie naturgeschützt. So ein Biosphärenreservat ist doch die perfekte Tarnung. Kein Tourismusdruck nirgends. Undurchdringlicher als jede Grenzanlage diese Sümpfe. Sprach man nicht immer vom real existierenden Sozialismus. Mal genau dieses menschenleere Gebiet durchkämmen, bitte.

Zu dieser Etappe noch ein Werbeblock, vergleichbar mit „Mein Auto. Mein Haus. Mein Boot.“ Heute: Mein Haus. Ich bin über die Nacht im destinature Dorf eingezogen. Kleine Hütten, maximal nachhaltig. Alles aus Holz, nichts verleimt oder geschraubt, nur gesteckt. Gibts seit letztem Jahr in Hitzacker an der Elbe. Schöne Idee für nachhaltigen Tourismus. Obwohl ich zugeben muss, dass mich nachhaltiges Design nicht so überzeugt wenn es so gestaltet ist, dass es einen von weitem anschreit: „Ich bin nachhaltig, ich muss so ungelenk aussehen“ Trotzdem fühl ich mich pudelwohl auf meinen Kirschkernkissen. Und wenn ich nicht aufs Gemeinschaftsklo will, nehm ich meins, das in meiner Luxushütte Plus eingemischt ist. Keine Wasserspülung. Dafür Kackpulver. Designed by Werkhaus. Kein Scheiß.

Erkenntnis des Tages: In Hitzacker gibts den nördlichsten Weinberg Deutschlands. Ganz seriöse Quelle.

Das schiefe Tor von Lübeck
Lohmühle Lübeck
Duvennest
„Mein Haus“ im destinature Dorf
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