Tip-Top - Texter Sautter
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Ronde, Etappe 1, Plieningen – Bergzabern, 130 km, 1.100 Höhenmeter.

Jetzt geht das wieder los. Eigentlich kein Wetter, um aufs Rad zu steigen. Es sei denn, man hat sich in den Kopf gesetzt, den lapprigen Körper nach Flandern zu bewegen. Das hab ich jetzt von meiner komischen Faszination für Belgien. Der Ehrentitel eines „Flandrien“ holst du dir nicht bei Sonnenschein. Erst mit Kopfsteinplaster, Sturm, Dreck und Rotz gilt es in Belgien. Was auch erklärt, warum ich diese Tour allein machen darf. Nix Dolce Vita und Pasta. Eher dreckiges Spritzwasser und fettige Pommes. Also alleine los ohne das grandiose Zugpferd Michl Luz, der sich wie jeder normale Mensch gerne am Schönen wärmt. Drum auch Herbst beste Jahreszeit für meine Tour. Ähnlich finster wie das zeitige Frühjahr, wenn die großen Eintagesrennen in Belgien die Saison einläuten. Wohlgemerkt nicht in der Jahreszeit, die wir uns unter Frühling vorstellen. Sondern im flämischen Drecksmärz, wenn die schlimmen Wintereinbrüche ein wenig seltener werden.

So ist auch die Ronde van Vlaanderen einst geboren worden: in Schlamm und Sauwetter. Auslöser war der erste Sieg eines Flamen bei der Tour de France. Das passierte 1912. Odiel Defraeye, ein Fahrradbote aus Roeselaere erreichte Paris als Erster im strömenden Regen. Eine Tour bei entsetzlicher Witterung. Alpenpässe eher Sturzbäche. Klarer Vorteil für den Flamen, der als erster Ausländer überhaupt die Tour gewann. Das inspirierte den Verleger der Zeitung Sportweireld (Sportwelt) eine Ronde ins Leben zu rufen. Von Gent über Viehwege, Trampelpfade, Schlammpisten, über Hochofenschlacke und mieses Kopfsteinpflaster, dreihundert Kilometer wieder zurück nach Gent. Französische Teams verboten ihren Fahrern mitzumachen. Zu gefährlich.

So gesehen also das beste Wetter, um aufs Rad zu steigen. Der Himmel auf den Fildern droht mit flandrischen Wolken. Schon nach wenigen Kilometer bestätigt sich: Fataler als die Altersnasslappigkeit des Körpers ist die aufkommende Leere zwischen den Synapsen. Ich dreh wieder rum und hole noch mein Handy. Ich mag es ja, auf jeder Etappe zwei bis drei Wegmarken einzubauen, die ich schon immer mal erkunden wollte. Auf dieser ersten Etappe befindet sich keine davon. Stattdessen Pforzheim. Im Strohgäu hole ich mir die ersten Bergwertungen, eine Gegend, die der famose Trainingsgefährte Dietrich Krauss kürzlich Schwäbisch Flandern schimpfte, als er sich zwischen Strudel- und Kreuzbachtal eingeklemmt hatte. Ab Friolzheim schiebt mich der dickste Espresso, der je von einem schwäbischen Bäckereiautomaten ausgespuckt wurde. Ich streife den Schwarzwald. Hagenschiess heißt der Forst. Es gibt schon finstere Käffer. Würm zum Beispiel. Tief eingeschnitten im gleichnamigen Tal. Alle Häuser Nordhang. Durch hohe Nordmanntannen dauerhaft von jedem Sonnenstrahl abgeschirmt. Allerdings ein wundervoller Radweg nach Pforzheim. Auf diesem Radweg entdecke ich, dass nicht nur Würm, sondern auch die restlich Welt ohne meine stark getönten Gläser viel freundlicher aussieht. Die ganze Welt außerhalb von Pforzheim.

Pforzheim, wo sogar eine Kneipe (Tip-Top Kneipe) so gemütlich aussieht als wäre sie eine Reinigung. Pforzheim, Deutscher Vizemeister von 1906, der in der fünftklassigen Oberliga längst von den umliegenden Käffern wie Nöttingen und Mutschelbach überholt wurde. Pforzheim, auf dessen Messplatz gerade die „Bauen. Wohnen. Energiesparen.“ stattfindet. In löchrigen Zeltkonstruktionen, die aufwändig beheizt werden. Pforzheim, wo als Abschiedsgruß ein Autofahrer gerade dann die Scheibenwaschanlage voll Wumms spritzen lässt, als er an mir vorbeifährt. „Tip-Top, ich geb dir deine Reinigung“, wird der sich gedacht haben.

Erst als ich hinter Birkenfeld die Straße hinab gleite, wird mir wieder warm ums Herz. Drüben am Hang die ersten Weinberge. Ein lauer Föhn aus Richtung Baden. Mutschelbach, das badische Jeddeloh II, lass ich links liegen. Meine Route führt nach Ettlingen, wo ich im Albstadion vorbeischaue. Genau das Stadion, dessen Kurvenränge und Tribünen ein Mann alleine gebaut hat. Kein Zufall: Albert Olbrechts ist Belgier. 10 Jahre ohne fremde Hilfe hat er geschuftet. Ich durfte ihn noch kennen lernen, im zarten Alter von 99 Jahren. Die Geschichte erzählte ich im ersten Buch „Heimspiele Baden-Württemberg“. Viele sagen, ich hätte mir die anderen 93 Storys auch sparen können. Warum das Stadion mit der neuen Haupttribüne, die letztes Jahr eingeweiht wurde, einen anderen Namen als den von Olbrechts trägt, weiß wohl nur der Bürgermeister von Ettlingen.

Erkenntnis des Tages: Getönte Panorama-Brillen machen die Welt nicht schöner. Expertentipp zwei: Einfach mal Gläser putzen, grad nach dem Regen. Damit man auch merkt, dass der Regen schon vor zehn Minuten aufgehört hat.

Würmtal
Pforzheim
Stadion Ettlingen
Rhein bei Neuburg
„Museum“ Neu-Lauterburg