Ey Ey Commanster - Texter Sautter
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Ey Ey Commanster

Ey Ey Commanster

Ronde, Etappe 4, Echternach -Stavelot, 106 km, 1.560 Höhenmeter.

Mein Gemüt wird sanft vom Frühstücksjazz geschmeichelt. Sehr sensibel ausgewählt vom Hôtel de Petit Poète in Echternach. Die wunderbare Popjazz-Version von Garbage. Da willst du dem Refrain nicht widersprechen. „I‘m only happy when it rains“. Am Abend weiß ich, was DJ Kachelmann gestern mit „Einregnen“ gemeint hatte. Nach der ersten eisignassen Abfahrt dachte ich, ich warte in einem Bäckereicafé, bis es vorbei ist. Ich wär bis nachmittag dort gesessen. Zeit für Studium der Zeitung muss sein, zumal wenn sie im Café rumliegt. Der Trierer Volksfreund titelt: „Eifeler Landwirt findet skelettierte Leiche im Rübenkeller“ Jetzt weiß ich, wo ich bin. Eifel. Südeifel. Ziemlich viel Landschaft zwischen den Dörfern. Ob es hier eine Sehenswürdigkeit gibt? Ich erinnere mich an den Sportskameraden Dietrich Krauß, der im Sommer heldenhaft quer durch Frankreich geradelt ist. Er hat das Dilemma mit der Kultur und dem Radeln wundervoll beschrieben:

„Gemeinhin wird das Radfahren als kongeniale Verbindung von Sightseeing und Fitness besungen. Kongenial heisst in dem Fall, das konsequent entweder das eine oder das andere immer zu kurz kommen. Entweder man rast leicht autistisch durch Landschaften, die maximal mit Ah oder Oh kommentiert werden. Die Umgebung wird dabei zu stummem Augenfutter und zur Sportanlage, die zu allerhand sehr willkürlichen meist ebenso subjektiven wie grottenfalschen Mutmaßungen einlädt. Oder man gehört zu den Stop and Go Radlern, die versuchen nicht nur Eindrücke festzuhalten, sondern zwanghaft versuchen mehr zu erfahren und schriftlichen Kontext zum optischen Eindruck zu ergattern. Kontext ist in dem Fall der hochtrabende Ausdruck dafür, sich Wikipedia-Einträge oder touristische Infotafeln zu Gemüte zu führen. Im Stehen. Wenn Reisen bildet, bleibt man als Radreisender entweder etwas dumm oder etwas langsam. Es leidet das Hirn oder der Rhythmus, und weil ja klar ist, was davon unverzichtbar ist, gehe auch ich bei dieser Tour immer dazu über durchzufahren.“ I feel you, Dietrich.

Während ich ein anonymes Südeifler Tal hochstrampelte, hatte ich diese Probleme überhaupt nicht. Es drängte sich nichts auf. Gar nichts. Auch später, nachdem ich auf einem feinen Bahnradweg Höhe und Aussicht gewonnen hatte, eher wenig zu sehen. Viele Grautöne am Horizont. 50 Shades of Südeifel. Von Westen schmetterte mir der Wind das Eingeregnete noch wuchtiger entgegen als im Tal. Gut gerollt ist‘s trotzdem. Als hätte man kürzlich die gesamte Eifel frisch geteert. Beläge Träumchen. Wirklich. In gottverlassener Gegend haben die Straßenbauerinnen gut geschafft, bevor sie die Gegend auch verlassen haben. Respekt. Ebenfalls praktisch: Wenn du mal musst, kannst du das gleich neben der Straße. Kommt eh kein Auto. Nicht in der nächsten Stunde. Nass aber glücklich, erreiche das Dreiländereck, windgeschützt im Our-Tal gelegen. Und wenn du denkst, dass nichts mehr geht, empfängt dich plötzlich ein herzlicher Landgasthof. Her mit der Forelle. Mit Tieren im Wasser kenn ich mich aus.

Belgien begrüßt mich mit einem Sonnenstrahl. Nein, doch mit Regen. Nein mit Sonne. Oh… schon wieder Regen. Das Wetter wie die Belgische Demokratie. Schwierige Mehrheitsverhältnisse und langes Hin und Her, bis eine Entscheidung getroffen wird. Das müssen also die Ardennen sein, angenehm. Ab sofort Fahren nach Zahlen. Ich mag dieses belgische (auch holländische) Nummernsystem, mit dem die Radwege ausgeschildert sind. Meistens kannst du dich auf den Belag auch verlassen. Nur wenige Ausnahmen. Einfach ein paar Nummer merken und lOs gehts. In meinem Fall später wieder Straße, also über den Col de Wanne und Col de Stockau zum Etappenziel Stavelot. Genau: Am Eddy-Merckx-Denkmal vorbei.

Aber nicht, dass ihr denkt, ich hätte es nur mit den großen Meistern. Im Gegenteil. Beim Radrennen ist es ja so: Wenn‘s läuft, und du vorne draus bist, dann kriegst du ja nochmal extra Flügel. Wenn du besser bist als die Anderen, ist es easy. Nicht körperlich, denn strampeln musst du wie doof. Aber halt mental easy. Weil du bist ja vorne und du hast die Chance, den Anderen die Laune zu zertreten. Mein Respekt gilt den Abgehängten. Diejenigen, die lange hinterher sind. Nicht aus taktischen Gründen, sondern aus die Pustemaus. Die fahren nämlich trotzdem durch. Obwohl sie wissen, dass die hinten ankommen. Dort, wo es nur noch die Insider interessiert. Wenn überhaupt. Die Abgehängten sind die eigentlichen Riesen. Sie machen den Sport groß. Und letztlich auch den Sieger. Die sind ja damals trotzdem mitgefahren, obwohl sie wussten, dass der Merckx eh gewinnt, der alte Kannibale. Merckx hat Liège-Bastogne-Liège fünfmal gewonnen. Und sind die Anderen ins Ziel gefahren. Aus Respekt vor dem Rennen. Drum ein Hoch aufs Mittelmaß und alle dahinter. Lüttich-Bastogne-Lüttich (warum heißt das auf Deutsch nicht Lüttich-Bastnach-Lüttich?) ist übrigens das älteste noch ausgetragene Eintagesrennen der Welt. Zwei Bergwertungen hab seit vorhin auf meiner Landkarte.

Erkenntnis des Tages: Commanster Vielsalm! Wie wundervoll können belgische Dörfer heißen. Auf deutsch würde Commanster, das zur Stadt Vielsalm gehört, einfach „Gommelshäusen“ heißen. Ein Hoch den Wallonen! Eyey Commanster, Sautter stilecht angetreten. Nass wie es sich gehört. Aber selbstverständlich Commanster. Den Ort besichtigen? Sorry, Commanster, ich muss weiter.

Wurf-Abfalleimer hinter Oudler
Trommeln
Eddy-Merckx-Denkmal, Col de Stockau
Stavelot, Kneipe