Endlich Aperto - Texter Sautter
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Endlich Aperto

Endlich Aperto

Kaffeefahrt, Etappe 9, Trento – Tione, 85 km , 2.200 Höhenmeter.

Schön langsam artet die Kaffeefahrt aus. Fühlt sich nach Seniorensport an. Schon wieder Bergetappe. Monte Bondone. Schon wieder geht’s nicht anders, als einer Radsport-Legende zu huldigen: Charly Gaul, dem Engel der Berge. Der größte Radfahrer seines Landes, sogar bis heute. Wir sprechen von Luxemburg. Und wieder geht‘s nicht unbedingt ums Palmares. Sondern um die Fahrweise, die zu seinen Naturell passte. Charly Gaul war ein Ausreißer. Die großen Etappen gewann er allein. Er war kein Kumpeltyp, hatte wenige Freunde im Peloton. Weil Charly unberechenbar war. Sieger einer der extremste Etappen der gesamten Giro-Geschichte: 1956, Meran – Monte Bondone über Costalunga, Rolle und Broccon, als drei weitere Pässe, insgesamt 242 km. Wahnsinn!

Charly Gaul liegt vor der Etappe fast 17 Minuten hinter den Führenden Pasquale Fornara. Also aussichtslos. Und als wäre die Etappe nicht genug, zieht ein Unwetter herauf. Der Engel der Berge greift bereits am ersten Pass an. Nur 20 Radfahrer überstehen die Etappe. Gaul kann Kälte. Fornara gibt wegen Erfrierungen auf. Gaul erreicht den Bondone mit 7 Minuten Vorsprung vor dem Zweiten. Fiorenzo Magni kommt als Dritter mit 12 Minuten Verspätung an. Der Giro gehört Charly Gaul. Nie wieder hat ein Rennfahrer in einer Etappe das Klassement so auf den Kopf gestellt. Im Ziel wird der Engel der Berge von Helfern abtransportiert. Laufen ist nicht mehr drin. Die Aufnahmen gehen um die Welt. Der Bondone bleibt der Berg von Charly Gaul. Auf ewig. In Italien ein Star. Aber das schert ihn nicht. Nach seiner Karriere zieht sich Gaul zurück, und zwar komplett. Er lebt fast zwei Jahrzehnte in den Ardennen in einer Hütte ohne Strom und fließend Wasser. Erst später zieht er wieder nach Luxemburg, um zeigt sich in der Öffentlichkeit. Gaul stirbt 2005, ein Jahr nach Marco Pantani, den er als seinen legitimen Nachfolger sah.

Auf Gauls Spuren schlichen wir heute den Bondone hinauf. Ein legendärer Berg, aber auch einer der wenigen Anstiege, die von Kehre zu Kehre hässlicher werden. Unten noch lieblich, je höher desto mehr Bauruinen hat der Tourismus hinterlassen. Wir wollten halbe Höhe in eine Bar. Wir sind ohne Barstop oben angekommen. Die Giro-Etappe 1956 fällt in die Zeit des explodierenden Wintertourismus. Damals war der Bondone schneesicher. Heute naja. Tausend andere Skigebiete sind spektakulärer. Das Hotel, in dem ich oben einen Caffè schnappe, ist Baujahr 1964. Die anderen Cafés, Bars und Hotelkomplexe sind verrammelt, teilweise verfallen. Was ab den Sechzigern hip wurde, ist heute out. COVID hat manchen den Rest gegeben, wenn man der Einheimischen Presse glauben darf. Uns übrigens auch. Weit entfernt von Wintereinbruch. Trotzdem weht uns ein Gruß von Charly eiskalt ums Näschen. Auf halber Abfahrt die Rettung: Rechts in der Tür blinkt „Aperto“. Die Behauptung ist die häufigste Lüge Italiens, aber nicht in dieser Tür. Die einzigen Gäste des Tages erhalten eine flauschige Lasagne.

Richtig warm wird mir erst wieder am nächsten Berg, als wir die Sarcaschlucht hoch fahren und hinter einem Ort mit dem schönen Namen Villa Banale die Burg von Stenico erreichen. Ganz im Westen sieht Wolkenexperte Michl ein Regengebiet durchziehen. Und plötzlich gibt’s noch ein paar Bilder, die man herzeigen kann. Am Bondone hat keiner von uns fotografiert.

Erkenntnis des Tages: Das Leben braucht Kontraste. Auch auf Reisen. Der Bondone läßt die Schlucht-Passage noch heller leuchten als sie eh schon war. Endlich mal eine Kaffeefahrt-Etappe, die im Hauptteil nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen wird. Nicht, dass uns jemand vorwirft, wir würden mit Weichzeichner durch die Gegend fahren

Aperto!
Bei Stenico
Stenico