Dorfjugend - Texter Sautter
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Dorfjugend

Dorfjugend

Kaffeefahrt, Etappe 7, Lusiana – Arsiero, 38 km , 300 Höhenmeter.

Man kann bei Radsport denken, an was man will, an Spannung, an Qual, an Doping, an hässliche Trikots oder an sonstwas. Aber eins beeindruckt mich immer wieder bei den Rennen. Wenn sich eine oder einer mal auf die Fresse legt, sitzen sie keine Minute später wieder im Sattel. Schlüsselbeinbruch ausgenommen. Alles unterhalb von Frakturen geht als sports as usual durch. Ich darf gar nicht ans rituelle Geheule der Fußballprofis denken, wenn ihnen einer auf den kleinen Zeh getreten ist. Die Helden der Landstraße schmerzbefreit. Verlorene Sekunden schlimmer als verlorene Haut. Jetzt haben wir allerdings ein Alter erreicht, da ist der Vergleich mit den Superhelden wirklich lächerlich. Und trotzdem, musst ich an die Profis denken, als ich heute … zack… so schnell geht das.

Nix passiert. Nicht mal ne dekorative Schürfwunde. Regenkleidung ist praktisch. Andererseits, wär’s nicht nass gewesen, hätten meine Slicks in der schrägen Serpentine besser gegriffen. Aber jetzt können wir daran einen Haken machen. Nichts was man im Tagebuch lustig schreiben kann, wenn man es zweimal macht. Hoffentlich. Nach der Einlage war ich jedenfalls vollständig wach. Hab ja selten so gut gepennt wie im Erdkundezimmer der La Scuola Lusiana. Das kleine B&B wurde zwar im Zeit Magazin so süßlich besungen, das man es kaum glauben kann. Aber Überraschung. Man muss es empfehlen, obwohl es im Fachmagazin für alle, die zu viel Zeit haben, beschrieben wurde. Manchmal hat der intellektuelle Blähjournalismus halt recht. Punktum.

Stichwort Gleichgewicht. Heute Entspannungsetappe. Fast wie Ruhetag, nur etwas strampeln. Dafür endlich mal Kaffeefahrt im eigentlichen Sinne. Und wo gibt’s den besten? In der Dorfbar, dort wo sich heute noch die Dorfjugend der Jahrgänge 1948 bis 1968 trifft, Eingeborene und Zugezogene. Dort wo jeder zweite Caffè mit Schuss auf den Tisch kommt und die drei Packen Zigaretten als Tagesration auch gleich mitgehen. Diejenigen, die das Programm bis heute überlebt haben, treffen sich am Tresen der Albergo Alpi in Arsiero. Das kannst du dir nicht schöner malen. So ein Ding, dafür bist du nach einer Woche Bella Italia bereit. Machst du sowas zu früh: Kulturschock. Wichtig bei solchen Bars: das Fuori. Draußen, das ist niemals im Hinterhof. Sondern immer vorne raus. Mindestens an der Straße, noch besser am Dorfplatz. Denn du musst als Gast schon wissen, wer im Dorf wohin fährt, über wen man reden kann, damit der oder diejenige die Chance hat, sich kurz auf einen Caffè dazu zu setzen. So muss das, in jedem Dorf und anderswo. Und wir mittendrin mit unseren Regenjacken. Erkennbar keine Handwerker, irgendwelche deutschen Ciclistas, die morgen wahrscheinlich wieder weg sind und dann ist auch nicht schade. Dabei sind wir keinen Deut besser als die. Nur auf ner anderen Droge. Vermutlich auf einer gesünderen, aber halt nicht, wenn du dich hinlegst.

Erkenntnis des Tages: Wenn ich einen Friseursalon hätte, würde ich nicht Suzie Quatro als Klingelton einstellen. Nichts gegen Suzie Q. Aber bei so vielen Terminen, immer Suzie. Puhhh.

La Scoula, Lusiana
Lusiana von hinten.
Caltrano
Arsiero, Albergo Alpi