Luxusschlampe - Texter Sautter
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Luxusschlampe

Luxusschlampe

Tourette de France, Etappe 1, Stuttgart – Hornberg, 133 km, 1.900 Höhenmeter

Jetzt geht das wieder los. Zwei Männer treffen sich frühmorgens auf der Waldau, um sich in ein Abenteuer zu stürzen, bei dem unsicher ist, ob es für ihr Alter medizinisch angeraten ist. Fest steht: Rennradfahren ist sowas von hip. Die Leute hecheln auf ihrer letzten Rille die Straße lang, dass es eine helle Freude ist. Grad die, die sich‘s leisten können. Vom finanziellen Background her. Sonst nichts zu leiden, also rauf aufs Rennrad. Wie wir. . »Radfahren ist das neue Golfspielen«, sagt Marcel Kittel, der als deutscher Sprinter 14 Etappen der Tour de France gewann.

Motorrad-Touristen werden von diesen Radlern längst schief angeschaut. Halt was für die Generation 75+. Mit Motor und Zotteln. Gegönnt sei‘s denen. Generation 55+ strampelt noch selbst. Es gilt der Grundsatz: Ausrüstung muss besser sein als die Beine, also Renner und Kleidung tippitoppi. Markenbewusst unbedingt. Bei den zwei Waldau-Männer schwört einer auf Assos, der andere auf LaPassione. Muss man nicht kennen. Die Kleider beider Marken werden an Models fotografiert, die Generation 30- sind. Wie sie an der Hauptzielgruppe aussehen, lässt sich morgens an der Waldau besichtigen. Gut, dass Fronleichnam ist, und Stuttgart noch nicht auf den Beinen. Auch gut, dass es nieselt, dann sieht man das, was man nie sehen wollte, nicht so genau: wie eng das teuere Zeug sitzt. An Körpern, denen man außerhalb des Radsports nie hautenge Kleidung anempfehlen würde. Heut ist Regenkleidung drüber. Regen bringt Segen.

Michl und ich wollen nach San Remo. Jetzt ist es raus. Früher hab ich mir‘s verkniffen, das Ziel zu verraten. Wollte nicht wie Loser dastehen, wenn‘s schief geht. Heute ist klar: Es geht nichts schief. Freilich außer das, an das man niemals gedacht hätte. Was wiederum das Diario würziger macht. Will niemand lesen wie Fashionradler einen perfekte Tour absolvieren. Die Gefahr besteht allerdings niemals bei uns. Wird schon schief gehen. Irgendwas versagt immer.

Früher hat man solche Touren mit Zelt, Gaskocher und Dauernddraußen gemacht. Fashionradler natürlich anders. Luxusschlampen suchen sich das Hotel nach dem Föhn aus, stellte Michl hinter Herrenberg fest. Willkommen auf Schloß Hornberg. Wenn die Beine schon am ersten Abend ramponiert sind, dann wenigstens Hotel biggobello. Wir sind kurz nach dem Harley Club Österreich eingetroffen. Die Harley-Zotteln große Augen gemacht. Weil: Räder sind die neuen Kultobjekte. Komm mir also keiner, wir würden was Außergewöhnliches machen. Ne. Wir sind Mode-Opfer. Wenn sich die Mädels in schlanke Schuhe zwängen, scheuert bei denen der kleine Zeh. Bei uns scheuern die Oberschenkel. Eigentlich bescheuert.

Eine Verstimmung im Team muss ich allerdings melden. Herrenberg. Café. Gönnt sich der Michl einen „französischen Moment“. Hat er selbst gesagt. Muss man sich vorstellen. Dippt seine Brezel in den Kaffee und… ihr wisst schon. Dafür hat man im schwäbischen das Verb „Tunken“ erfunden (sprich: des musch aidongga). Harald Schmidt hat da mal eine Nummer daraus gemacht (die Bräzel, mit Budder druff) Und das Schlimme: Diese Tunkerei ist trotz Schmidt immer noch nicht ausgestorben. Die Schwaben machen das immer noch. Ohne Worte. Jetzt muss ich nicht mit Tischsitten anfangen. Oder doch? Ich fang mit Tischsitten an. Echt, das geht mal gar nicht. Höhepunkt der Tunkerei. Im Schwäbischen wird das französisch verklärt. „Französischer Moment“. Wie kann man Frankreich hassen, dass man seine eigenen ekligen Gewohnheiten den Franzosen in die Schuhe schiebt. Morgen Abend kommen wir nach Frankreich. Ich verspreche: Ich pass genau auf, ob da jemand tunkt. Ich krieg mich da nicht ein: Assos Radzeugs tragen, und dann Budderbräzel tunken. Das kann ja heiter werden bis San Remo. Obwohl man sagen darf: Der Föhn auf Schloss Hornberg! Da waren die Luxusschlampen wieder ganz versöhnt.

Erkenntnis des Tages: Ein häufig übersehener Grund des aktuellen Rennrad-Hypes ist die Tatsache, dass du dabei futtern kannst wie du willst, ohne dass was ansetzt. Und wenn der Koch selber radelt, und dich begrüßt, und sofort über Radfahren philosophiert: Dann extra fette Portion Pasta.