Tour Malheur, Etappe 12, Pamiers – Sorgeat, 88 km, 1.500 Höhenmeter
Von Dietrich Krauß
Einer Radtour einen Namen zu verpassen bevor ein Kilometer gefahren wurde, ist wie ein Kabarettprogramm zu betiteln, bevor auch nur eine Zeile geschrieben ward: Aus werblichen Gründen unvermeidlich, inhaltlich sagen wir eine Herausforderung, der geratenen Überschrift ohne Unterleib dann im Nachhinein gerecht werden zu müssen. Es sei denn, man kennt die Hauptdarsteller. Und in Sachen Malheur bürgt der Name des Gastautors und Mitfahrers doch bei Reisefails für konstante Qualität: An dieser Stelle sollen Stichworte der absoluten Deeplights genügen wie „Quattro Statiogne“ – falsches Stadion in Napoli – „Mit dem Personalausweis Nicht nach UK“ oder „I have forgotten my tooth in my room.“
Ein solcher Ruf kann bei der offiziellen Ansage „Tour de Malheur“ allerdings auch schnell zur Bürde werden: So reist die bange Frage mit: Kann er‘s noch? Wird er nochmal abliefern wie früher? Der Mann wird ja auch nicht jünger, sondern womöglich reifer, was Gift ist für die Disziplin des Missgeschicks. Das Publikums dagegen erwartet immer peinlichere Pannen Wie dieser Erwartung gerecht werden, wie sich in Form halten? Alle Welt fokussiert mit mentalem Training, aber hat schon mal jemand Unkonzentriertheit geübt? Gut, man kann und muss dem Schicksal ein bisschen auf die Sprünge helfen, zum Beispiel indem man direkt von der Arbeit mit vier Stunden Schlaf in die Radtour crasht. Aber das Malheur selbst kann und darf ja nicht bewusst herbeigeführt werden, es muss dich wie von selbst ereilen, aber trotzdem allein durch dein Zutun herbeigeführt werden! Ein weithin unterschätztes Kunstwerk – das höchsten Unterhaltungsansprüchen genügen muss. Und komm bitte nicht mit sowas wie – „Scheisse, wo ist mein Handy? Mist, zuhause liegen lassen. Fuck, zu spät umzudrehen!“ So geschehen gestern um 6:30 kurz vor dem Hauptbahnhof: Ja, das wäre ein bisschen lästig, Zug und Geld wäre weg , aber das Handy war ja am Ende doch nicht weg, sondern da, an einem Ort der im Alltag nicht existiert: Hinten am Rücken in der Trikottasche. Ein lahmer Allerweltsschreck, immerhin begleitet von einem morgendlichen Urschrei, den die Stuttgarter Passanten jedoch gekonnt ignorierten. Nicht wert festgehalten zu werden, es sei denn als Vorspiel und Kontrast zu etwas wirklich Großem. Gesucht wird ein peinlicher Paukenschlag ein Malheur magnifique, am besten bevor die Tour überhaupt losgeht – DAS wäre die richtige Antwort auf diese Überschrift und würde Druck herausnehmen. Man will sich ja nicht tagelang darauf konzentrieren müssen unkonzentriert abzubiegen, aufzustehen oder einzupacken.
Und ja was soll ich sagen: Ich habe mich nicht enttäuscht. ( höchstens ästhetisch mit dem unmotivierten Wechsel in die Ich Form) Es ging wie in besten Zeiten: Nämlich wie von selbst, nur dass ich früher nie gedacht hätte, was ich gestern gedacht habe: „Ob es eine gute Idee ist, das ausgebaute Vorderrad um die Ecke aus dem Sichtfeld an die Hinterwand des Süßigkeitenautomaten zu lehnen, weil du ja dann dran denken musst beim Einpacken, dass das Vorderrad um die Ecke an der Hinterwand des Süssigkeitenautomaten lehnt, weil du es ja nicht siehst., dass es da lehnt“ Dass ich dann trotzdem NICHT an das Rad gedacht hatte, von dem ich eben noch gedacht hatte, dass ich dran denken MUSS, dass ist doch schon eine reife Leistung und vor allem in der bildlichen Konsequenz dann doch genau das, was das Publikum sehen will – denke ich. Denn man stelle sich einfach vor, wie 20 Minuten vor Ankunft in Paris Est ein sich extrem professionell wähnender Zugradreisender daran macht, die Radhülle von seinem Gravelbike zu streifen damit keine Minute der knapp bemessenen Umsteigezeit verloren geht und darf dann einem epochalen Crumble von Mann und Rad beiwohnen: Eben noch respekterheischend, jetzt nur noch herzerkreischend hält er ein bizarres Torso, in Händen, das nichtsdestotrotz in der gegebenen Zeit den Gare Montparnasse erreichen soll. Habt ihr schon mal ein amputiertes Fahrrad durch eine europäische Metropole geschoben, in der man normalerweise bemüht ist, einen respektablen Eindruck zu erlassen. Eilig, nicht würdelos und zum allerersten Mal ?Wenn ich euch ein Rat geben darf: Nehmt sie lieber ein Rad. Ich hätte viel gegeben für eins mehr; denn egal, wie man es anpackt – Tragend, oder das Hinterrad voraus schiebend oder in Fahrtrichtung ein Vorderrad simulierend quasi Schiebepantomime – nichts davon funktioniert wirklich und ist von Dauer – außer den Ölflecken auf der hellen Leinenhose. ( Nebenmalheur) Inzwischen sind ich und mein Einrad gerade mal in der Bahnhofshalle angelangt, nicht ohne nebenbei zuhause schon das Leid geklagt und einhändig einen Bolt Accoun angelegt zu haben, denn
„Besser ein Taxi nehmen“, ist leicht gesagt vom Herausgeber. Denn auch das halbierte Rad sprengt die herkömmlichen PKW Maße. Und die Aussicht mit dem Gestell durch die Treppengebirge der Metro zu hirschen, erschien wenig verlockend – schließlich stand nur Tour nicht Tortour de Malheur auf dem Programm. Wiewohl die U Bahn der Rat der besseren Hälfte war, die wie die vordere Hälfte in Stuttgart verblieben war. Im Gegensatz zur vorderen allerdings nicht aus Versehen, sondern mit voller Ab und weiser Voraussicht, ob dem, was da oft passiert. Für alle, die trotzdem in Zukunft mit dem Rad in den Untergrund gehen wollen. Vélos egal welcher Bauart sind in der Metro strikt untersagt. Eine Information, die ohne das Malheur nie ans Licht gekommen wäre. Ihr merkt, er ist schon längst in der buddhistischen Phase „hat nicht alles sein Gutes “ angelangt.
Denn so gut ging es weiter und aus:
Er weiß nun, es gibt Grossraumtaxis am Gare de L‘Est – Fahrzeit gut 30 Minuten
Er beeindruckte den ungläubigen Taxifahrer mit relaxtem Galgenhumor, was ihn sofort in die Kategorie katapultierte „Männer die wissen, was wirklich wichtig ist im Leben“
Er findet sofort Gleichgesinnte, denn
einem Einradreisenden offenbart man vertrauensvoll die eigenen Reisefails, in diesem Fall wie der Radbeauftragte von Kelsterbach, seine In Ears Wiener im Zugdepot suchte und wiederfand.
Die besseres Hälfte konnte die vordere Hälfte in Stuttgart sicherstellen und zwar mit den Worten: Mein Mann hat ein Rad ab. Sie weiß nun, dass es bei Fundsachen drei Preiskategorien gibt: Grundbedarf wie Brille und Teddy ist gratis, Alltagsbedarf wie Schirm und ein Rad kostet 10, Wertsachen 15 Euro
Und: Am Zielort Pamiers, der Partnerstadt seiner Heimatstadt Crailsheim existiert der einzige Radladen, der auch ein einzelnes Alurad verkauft. Und Im gewählten Hotel Resort de France schläft wie es der Zufall will immer der junge Bürgermeister von Crailsheim.
Ihr merkt wir haben endlich die Malheurzone verlassen, allerdings nur, um am heutigen Morgen gleich wieder hineinzufahren. Die Verantwortung dafür teilen sich das Garmin von Dietrich und Bernd, der als erfahrenerer Pyrenäen-Pedalist nach 10 Kilometern Fahrt in die Ebene das Ruder herumriss mit den Worte. „wenn wir in die Berge fahren wollen müsste man sie ja schon sehen“
Ansonsten konnte ich bislang keinen Fehler erkennen. Was Wetter, Pässe, Gebirge Gastro und Unterkunft angeht. Und ich hab ja auch schon getan, was ich konnte.


