Tour Bonheur, Etappe 18, La Manère – Châteauneuve-De-Randon, 85 km, 1.800 Höhenmeter

Gestern war‘s noch nicht sicher, ob wir diese wunderbare Tarn-Schlucht tatsächlich an beiden Seiten hochkraxeln sollen. Verdient hätte sie es auf jeden Fall von allen Seiten begutachtet zu werden. Tief unten hatten wir über Nacht nobel châteauisiert. Im herrschaftlichen Manoir de Montesquiou wurde uns das Turmzimmer zugewiesen. First class, aber hallo. Im winkeligen Turmerker ein hochmodernes Bad. Dabei die riesigen Bodenfliesen so kunstvoll ans schiefe Mauerwerk angepasst, dass du dachtest, da waren doch die Fliesen zuerst da, und dann wurde drumrum das Türmchen 30 Meter in die Höhe gemauert. So gut haben die Fugen gepasst. 

Jetzt will ich nicht am Luxus rummeckern. Vor allem weil unser Quartier wirklich vorzüglich war. Aber zwei allgemeingültige Gesetze der internationalen Hotelduschen-Ausstattungen sind noch nie aufgeschrieben worden. Paragraph 1 des HoDAG (Hotelduschenausstattungsgesetz): Je exklusiver das Etablissement desto verwirrender die Duscharmaturen. Unser Schlössle hatte so ein Riesending mit Massagedüsen. Ich hasse es. Fachbegriff: Duschpanelsystem. Wenn du die völlig normale Dusche von oben einstellen willst, kommst du mit dem Drehkopf nicht anders hin, als zuerst eine andere dieser Düsen zu aktivieren. Hinterher hab ich kapiert, dass ich den Regler hätte rechtsrum drehen können, dann wäre vorher nur kurz die Handbrause angegangen. Ich hab aber linksrum gedreht, was die sechs frontalen Massagedüsen volle Pulle losspritzen ließ. Wasserwerfer Hilfsbegriff. In übrigen ist es hilfreich, vor solchen Armaturenexperimenten die Temperatur richtig eingestellt zu haben. Zwischenergebnis nach 20 Sekunden. Den Frontalangriff des Duschpanelsystems konterte ich mit einem beherztem Sprung zur Seite. Worauf das gesamte Designerbad inklusive meines mitgebrachten Handtuchs bereits völlig durchnässt waren. Nur der zu benetzende Körper steht verängstigt und Schutz suchend in der einzigen Ecke der Dusche, in der kein Wasserstrahl hinkommt. Umringt vom tosenden und spritzenden Panel. 

Paragraf 2 des HoDAG: Je designiger das Hotel, desto kleiner die Typografie auf den bereitgestellten Körper- und Haarwaschmittelchen. In den eher besseren Hotels stehen da gerne mal Lotion und Haarspülung zusätzlich rum. Das macht mich nicht glücklicher. Im Gegenteil. Die Wahrscheinlichkeit sich zu vergreifen wird größer. Oft ist eine mir nicht bekannte Marke groß abgebildet. Aber halt auf allen vier Fläschchen identisch. Das bringt mich wirklich nicht weiter. Helfen würde zum Beispiel der Schriftzug Shampoo oder Körperpflege. Der steht nur so winzig drauf, dass du eigentlich ein Mikroskop unter die Dusche mitnehmen solltest. Ich mach dann immer ein Quiz mit mir und versuche anhand von Konsistenz und Geruch den Zweck des Mittelchens zu ermitteln. Wobei ich allzu oft verliere. Wenn du einmal mit Spülung anfängst, tust du dich schwer das Zeug mit dem Shampoo wieder runter zu bekommen. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich erwähnen, dass zu diesem Zeitpunkt das Wasser bereits wie gewünscht von oben kam. 

Der weitere Abend außerhalb der Dusche gestaltete sich unfallfrei. Wir dinierten auf der feinen Kunstrasenterrasse zwischen zwei Felswänden. Eifrig livriertes Personal schwänzelte um uns herum. Obwohl ich sonst als Freund der riskanten Bestellung gelte, hab ich die Froschschenkel ausgelassen. Dafür Truite, also Forelle. Und zum dritten Mal auf dieser Tour krieg ich Lachs statt Truite. So dachte ich wenigstens, bis ich gecheckt habe, dass man hierzulande die Forellen anders füttert. Was bewirkt, dass das Fleisch lachsfarben wird. Komisch nur, dass ich dreimal hätte schwören können, tatsächlich Lachs zu schmausen. Allein wegen der Farbe. Und von wegen Regenbogenforelle. Lachs absoluter Karrierefisch, von wegen minderwertig. In Frankreich pimpt man die Forellen auf Lachs. Damit sie sich besser verkaufen. Sozusagen Karriereforellen. Was bei mir allerdings nicht funktioniert hat. Ich hätte meine Forelle lieber als Forelle gegessen. 

Von unserem Turmzimmer hast du übrigens nicht nur auf die Kunstrasenterrasse gesehen. Am nächsten Morgen ist mir aufgefallen, dass dahinter dieser famose Anstieg der Lacets de La Malère zu sehen ist. Die Straße Zick-Zack in den Felsen geschnitten. Lacets wörtlich übersetzt bedeutet Schnürsenkel. Lacets aber auch höchstes Qualitätssiegel für eine Straße. Wenn es so heißt, hat die Straße viele Serpentinen auf engstem Raum. Also Träumchen. Jetzt hatten wir zuerst gedacht, diese Lacets führen uns in die völlig falsche Richtung. Zumal uns der Aufstieg satte 450 Höhenmeter extra auf Etappenkonto brummt. Eigentlich zu ehrgeizig für müde Beine. Aber ich verrat dir was: Wenn du die Lacets siehst, wie sie hinter der Kunstrasenterrasse in den Fels gehauen wurden, und das obendrein bei der ersten Amtshandlung des Tages entdeckst, wie soll ich sagen, wenn du morgens in der Keramikabteilung hockst, gedankenverloren durchs Klofenster rausguckst, und dein Blick direkt auf die steilen Lacets auf der anderen Seite des Tales fällt, dann kommt es dir vor, als hätte dir jemand von oben ein Zeichen geschickt. Dann fühlst du dich wie von der Morgensonne erleuchtet, als hättest du einen Fingerzeig einer überirdischen Macht wahrgenommen. Wenn dann neben der Erleuchtung die Erleichterung wie gewünscht funktioniert gibts kein Halten mehr. Allerdings muss ich zugeben: Beim Hochkurbeln mit den müden Beinen, ist mir durchaus der Gedanke gekommen, es wäre vielleicht besser gewesen, ich hätte die Froschschenkel bestellt. 

Bonheur des Tages: Die Cevennen sind fantastisch. Der Wind kam (vorwiegend) von hinten. Auch die Beine machten bereitwillig mit. Der Tag endete in einem einfachen Landhotel, Familienbetrieb aus Großmutters Zeiten. Die Körperpflege verlief komplett unspektakulär. 

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