Tour Malheur, Etappe 15, Caudiès-de-Fenouièdes – Carcassonne, 82 km, 1.100 Höhenmeter
„Die eine L ? Schraube tut nicht mehr – vielleicht neues Schaltwerk? Aber er gibt alles – jetzt wird der Chef angerufen.“ So lautet die Nachricht, die der Malheur-Master am Sonntagabend sendet. Aus dem vermutlich einzigen Radladen, der sonntags geöffnet hat. Mission Schaltwerk. In übrigen Etappenort Carcassonne haben sie am Sonntag die Gehsteige hochgeklappt. Rätselhaft, wo all die Einheimischen geblieben sind. Lediglich der Bahnhof und ein paar Cafés am Spaziergässchen hoch zur Burg haben geöffnet. Der Rest ist verriegelt. Am siebten Tage sollst du ruhen. Alle bis auch einen: den Chef vom Radladen.
Auf dem Land sind die Carcassonaisen auch nicht. Da waren wir heute. Nahezu allein. Fantastisch. Wunderschöne Landschaft, locker geschwungene Feldwegchen, aber fein geteert. Leicht wellig im übrigen. Ich gebe zu, das war wie früher in Aurich, als wir Kids mit den Kinderfahrrädern über die Dreckhügel neben den Baugruben hüpften. BMX war noch nicht erfunden, damals in den frühen Siebzigern. Das ging bei mir so lange gut, bis die Schweißnaht am Rahmen aufgab. Dankenswerterweise nicht bei der Landung. Apropos. „Jetzt ist der Chef da und tauscht den Zug“, schreibt Dietrich gerade, „mit Ehefrau“ Ein paar Takte später jedoch. „Jetzt ist auch noch was an den Hebeln nicht in Ordnung .., wird zu ner Generalsanierung“
Die wundervolle Route durch die Corbières-Berge haben wir tatsächlich einer Schneckenkurve zu verdanken. Der Col de St.Louis hat so eine. Also eine Kurve, die mehr als 360 Grad dreht. Jetzt denkst du vielleicht Kreisel. Aber da hast nicht mit der Brücke gerechnet. Vielleicht kennst du den Aufstieg Sa Calobra auf Mallorca. Der hat so was ähnliches drin. Nicht so spektakulär, zugegeben. Aber weil‘s halt auf Malle liegt, kennen es die, die es wirklich verdient haben. Die imposant Kreiselbrücke am St. Louis hat sogar Geschichte. Der Pass war einst die Grenze zwischen Frankreich und Aragon. Das wurde zu wichtigen Verbindung als Frankreich das Gebiet nordöstlich der Pyrenäen eroberte. Problem allerdings, wenn man mit Pferdekutschen unterwegs war. Es gab unterhalb vom heutigen Col ein paar Felsen, da ging’s mit den Gäulen nicht weiter. Also musste von der anderen Seite eine andere Kutsche gebucht werden. Gar nicht so einfach. Handy war noch nicht erfunden. Als Herzog Ferdinand-Philippe d’Orléans, also der Sohn von König Louis-Philippe, einmal die Prozedur auf Reisen selbst erlebte, soll er sich in Paris dafür eingesetzt haben, die Schatulle zu öffnen und eine Lösung zu entwickeln, dass Kutsche inklusive Pferde ohne Übergabelösung und Tragestück die Reise fortsetzen können. So soll’s gewesen sein, irgendwann achtzehnhundertsoviel.
Andererseits: Wenn du nachschaust, könnte das wieder so eine Paihlères-Story sein (siehe gestriger Eintrag). Weil historisch gesichert ist das nicht mit dem Herzog. Das erzählt man sich halt unterhalb vom Col de St. Louis. Irgendwann hat’s jemand aufgeschrieben, was man sich erzählt hat. Du darfst ja heute keinen Storys mehr trauen, die kein königliches Siegel haben. Und alles, was du nicht selbst gemessen hast, darfst du auch nicht trauen. Jetzt nochmal zur Höhe des Pailhères von gestern. Der Dietrich zweifelt immer noch dran, ob die Nachmessung mit 2001 Höhenmeter korrekt ist. Heute vom zweiten Corbières-Pass haben wir nämlich sauber rübergesehen auf die Pyrenäenkette. Da hat der Dietrich seinen trigonometrisch Blick angewandt. Der ist nämlich Sohn eines Crailsheim Geometers. Und was soll ich sagen: Der Dietrich glaubt fest, dass die bei der Nachmessung beschissen haben. Apropos. Im Moment treffen die letzten Entwicklungen aus der Fahrradwerkstatt ein. Dietrich, alles klar?
„Nun kann man ja nicht einfach mit einem Megamalheur am ersten Tag die Reisegesellschaft crashen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und dann seine trotteligen Tätigkeit einstellen um eine tadellose Tour zu strampeln. Das würde weder dem mehrtägigen Charakter der Veranstaltung noch der eigentlichen Dimension des Malheurs gerecht, das ja entgegen der wörtlichen Übersetzung eben kein (großes) Unglück ist, sondern als ein kleines Missgeschick definiert ist. Und gleich zwei davon, seeehr unspektakulär habe ich zum Runterkommen am Beginn und zum Ende des dritten Tourtags spendiert. Eine defekte – gähn – Gangschaltung und einen popeligen Platten. Die Tragweite und Qualität eines Missgeschicks bemisst sich nicht nur am Ereignis selbst, sondern vor allem auch an den zeitlichen und örtlichen Umständen seiner Überwindung. So ereilte uns die Luftlosigkeit noch beim morgendlichen Losfahren im bezaubernden Dreiseithof unseres ebenso bezaubernden ukrainisch russischen Gastgeberpaars: Radfahrer kommt ihr je nach Caudiès de Fenouillèdes dann bucht euch im Relais de Laval ein. Vor zehn Jahren noch ein veritabler Steinhaufen haben die beiden das ehemalige Weingut zu einem Ort gemacht, bei dem Gäste selbst das Missgeschick als Gratis-Gratifikation erleben, was den gelernten Werbetexter zu einem Claim inspirierte: Wenn du einen Platten hast dann hier! Und mit einem Mitfahrer der im Besitz einer automatischen elektrischen Kompressors ist. Da wird die Panne zum Genuss – fast wie das abendliche Verköstigung. Das Viergängemenü für die zwanzig Gäste zubereitet von der Besitzerin höchstpersönlich mit Gemüse und Kräutern aus dem heimischen Garten war von solcher Güte, dass wir vorsichtig anfragten dass das ja wohl nicht jeden Tag zu leisten wäre? Äh. Doch. Und nicht nur das. Eigentlich war sie nur auf fünf Personen vorbereitet, die 15 anderen Mitesser wurden spontan bekocht. Vor dieser Höchstleistungen der Gastlichkeit die zudem mit entspannter Herzlichkeit zelebriert wird, kann man nur ehrfürchtig die Radkappe ziehen.
Und mit demselben Gestus finde ich mich am selben Abend vor dem Pétit Cyclo in Carcassone wieder. Schon am Col de Paihlères hatte der sogenannte Rettungsring seinen Dienst quittiert, womit das große Ritzel bezeichnet wird, das Rennradfahrer*innen mit großem Ehrgeiz und kleineren Kletterfähigkeiten nachträglich installieren, um auch steile Pässe zu bewältigen. Ausgerechnet an der anspruchsvollsten Steigung also sollte ich auf meinen kleinsten Gang verzichten? Niemals ich wiege schließlich also nach 90 Kilo fühlt sich’s jedenfalls an. Lieber suche ich Hilfe bei der KI die zum Drehen an der L Schraube rät deren Bekanntschaft ich in diesem Moment mache und deren genauen Aufenthaltsort mir auch diverse YouTube Videos nicht wirklich verraten können. Oder liegt das Problem an der B oder H Schraube, die ich ebensowenig sicher zu lokalisieren vermag. Einige wahllose Windungen an Schrauben und Seroentinen später erbarmt sich an der Mittelstation ein Kletterprofi meiner und rät zu einer high Risk high reward Lösung, von der ich genau nur dies versteh und die ich für mich mit – dann halt nicht übersetze – das soll der Experte richten. Der nächste und einzige der am Sonntag geöffnet hat: Le Petit cyclo in Carcassone. 17:30 stehe ich auf der Matte der junge Mechaniker hatte noch zwei Fahrräder vor sich und dann Freundin und Feierabend. Und trotzdem macht er sich nach Ladenschluss mit ausgesuchter Hingabe an mein Problem dass sich zu einem veritablen Grossmalheur auszuwachsen droht. Nach 45 Minuten werden Fotos an den Werkstattleiter verschickt der keine Viertelstunde später nebst Gattin im Laden steht. Die besagte Freundin vor der Tür. Längst geht’s nicht mehr nur um verwürgte L Schrauben jetzt wird der gesamte Schaltzug getauscht und dabei auch noch Probleme am Schalthebel identifiziert und behoben. Knapp zwei Stunden später stellt er mir für seine Rettungstaten nicht mal 20 Euro in Rechnung – Und ich sehe mich erneut beschämt vor soviel passionierter Gastfreundschaft und preise das Glück des Malheuristen, dem solche Begegnungen vergönnt sind. Heute gehts gleich nochmal dahin. Am Ruhetag, zur nachträglichen Trinkgeldvergütung via Kuvert. Mann darf den Preis des Glücks keinesfalls verderben.“


