Tour Malheur, Eaux-Bonnés – Luz-Saint-Sauveur, 60 km, 1.570 Höhenmeter
Nichts gegen Wellness. Wir werden alle älter. Ich geb zu: Mein Ding ist es nicht. Weil ich dabei fett werde. Was schlicht daran liegt, dass mich bei Wellnesshotels vor allem die Küche interessiert. Allein wenn ich „Sauna“ les wir’s mir langweilig. Fluchtreflex setzt ein. Wie kann man nur nichts tun so adeln. Tellerwellness mag ich sehr. Lecker. Was solche Hotels hinterm Tellerrand versprechen – also Longevity, Wirkung, Prävention, Gesundheit und so Zeugs – glaub ich sowieso nicht. Vermutlich geht‘s nicht nur mir so. Aus einschlägigen Veröffentlichungen ist bekannt, dass der Beauty-Trend im Wellness komplett weg vom Fenster ist. Glaubt keiner mehr, dass man länger als einen Abend schön bleibt, egal in welche Wellanwendung man getaucht wird. Dauert nicht mehr lange, dann sind diejenigen tot, die an Longivety geglaubt hatten. Aber sorgen muss man sich keinesfalls. Die Gutgläubigen sind eines natürlichen Todes gestorben und der quietschfidelen Wellnessbranche wird schon was Neues einfallen, um den Leuten zu versprechen, dass ihnen systematisches Nichtstun im Urlaub gut tut.
Wenn du mal sehen willst, wie wie eine wunderliche Achtsam-Heil-Longevity-oder-sonstwie-Oase aussieht, wenn der Hype seit achtzig Jahren vorüber ist: Willkommen in Eaux-Bonnés. Mein Lieber, das war mal chic und hip, das Örtchen. Baden-Baden, aber in original und besser. Wegen des Mineralwassers: wundheilend, antiseptisch, schleimlösend, gefäßerweiternd, schmerzlindernd und beruhigend sollte es sein. Das tratschte sich rum hier in Frankreich. Theophil de Bordeu hatte die Quelle medizinisch „entdeckt“. Also Siebzehnhundertsoviel. Es war die Zeit, in der die Quellen von Spa populär wurden. Weil sie erstmal einzelne auserwählte Menschen leisten konnten, nichts zu tun, Spa in Belgien hat seinen Namen dafür hergegeben. Bath in England war auch so ein … Bad. Ja, auch Cannstatt, aber das war später, und nicht mehr so namensgebend.
Der Theophil der Bordeu hat sich nicht doof angestellt. Der war ja von hier, also Pyrenäenregion. Und er hatte wegen Veröffentlichungen, Promotion und Expertise eine Stimme, auf die man hörte in medizinischen Kreisen. Auch die Kaiserin Eugenie hat das geglaubt. Pyrenäen ja exotischer als Belgien, von Paris aus gesehen. Sie soll hier fein gewandelt sein, in Eaux-Bonnés und mit ihr zog die feine Gesellschaft ein. Fassaden wuchsen in die Höhe. Grand Hotels, Wandelhallen und feine Gärten entstanden. Napoleon schickte seine Kriegsversehrten zur Wiederherstellung nach Eaux-Bonnés. Napoleon! Da kannst du dir die fünf Sterne sparen als Kurort. Hat übrigens schon damals nur unzureichend funktioniert, das Ding mit der Wiederherstellung. Aber wenn so ein Heilsversprechen in der Welt ist, kriegst du es kaum wieder weg.
Eaux-Bonnés war der heiße Scheiss vom Wellness, mehr als 150 Jahre lang. Bis zum zweiten Weltkrieg. Dann kamen die Deutschen, zerstörten die Anlagen und als der Krieg vorbei war brauchte man viel Kohle alles wieder aufzubauen. Bloß, dass ab sofort nichts mehr funktionierte. Das alte Teil von Napoleons Zeit interessierte niemanden mehr. Der Hype war futsch. Der Flecken nur noch altmodisch. Heut ist er fast komplett tot. Von angeblich 15 großen Hotels ist noch eines offen – und auch das müffelt. Frage nicht. Im drei Stockwerke hohen Etablissement Richélieu übernachten genau vier Gäste. Ich bin einer davon. Ein älterer Herr, gebückter Gang, Gesichtsausdruck Faktotum, gibt mir den Zimmerschlüssel. Nummer 105. Ich komm mir vor, als wär ich in dem Moment gestorben. Ich gehe die Treppe hoch. Da oben ist es zappenduster. Drei Minuten stochere ich nach dem Lichtschalter. Kläglicher Lichtstrahl weist mir den Weg zu 105. Alles knarzt. Wie Du Dir vorstellt aus einem schlechten Film. Ich fummle mit dem langen Schlüssel ins wackelige Schloß. Die Frage ist nur noch, ob hinter der Tür der Himmel oder die Hölle aufgeht.
Bis auf dieses Hotel und ein Bürgermeisteramt ist hier kein Gebäude mehr in Schuss. Rund 200 Leute sollen wohl in Eaux-Bonnés noch leben, in dieser düsteren Kulisse. Wer das Konzept von Lost Places zu Ende denkt: Voilà! Gibt ja viele Touristen, die sowas faszinierend finden. Aber Unterschied: Mal anschauen oder dort hängen bleiben. Vor Jahrzehnten versuchte man das Mineralbad wieder hip zu machen. Der herrschaftliche Bau bekam oben eine riesige Kugel drauf. „Le Bulle“. Super Erlebnis, weil postmoderne Therme jetzt, inclusive Wasserdampf und Bezug zu Landschaft. War damals der Thermaltrend, lese ich nach. Aber die Bulle hat’s nur ein paar Jährchen gemacht. Längst aus technischen Gründen geschlossen. Nicht mehr zu retten. Die mutige Bulle, eine Glaskugel mit rund 20 Metern Durchmesser, droht einzustürzen und das alte Mineralbad drunter mit zu zerstören. Spektakulärer Architekturpfusch. Vor einem Jahr erst bekam die Gemeinde die Millionensumme als Entschädigung aufs Konto. Rund ein Jahrzehnt hat der Prozess gedauert.
Solche Ziele sind fürs Radeln wie gemacht. Eine regnerische Nacht lang, kann es spannend sein. Dann musst du weg, sonst wirst du eins mit den Spinnennetzen. Falls du am nächsten Morgen noch die Augen aufmachst. Als ich den Aubisque hochklettere, komm ich durch eine Trabanten-Skistation, die zur Gemeinde Eaux-Bonnés gehört. Gourette heißt sie. 600 Höhenmeter über dem thermalen Lost Place. Dorthin ist die Karawane wohl weiter gezogen. Du brauchst aber keine allzu dolle Fantasie, um zu wissen, dass in ein paar Jahren auch Gourette ein Lost Place wird.
Wie schön doch Eaux-Bonnés ist: Während Gourette mit seinen Liftanlagen einen nicht unerheblichen Teil der Berge verschandelt hat, fällt Eaux-Bonnés in seiner trostlos, schattigen Hangnische kaum auf. Ist das nicht das Schöne an Wellness? Die Ruinen sind um vieles harmloser als das, was der riesige Sport-Hype hinterlässt. Ein Lob der Wellness. Wenn du mich fragst: Die sicherste Nummer ist es immer noch, den Urlaubsort nach der Küche auszusuchen. Essen ist so nachhaltig!
Malheur des Tages: Keins. Die Wolkengrenze lag ungefähr bei 1400 Metern. Zuvor hab ich kaum was gesehen. Der wundervolle Aubisque hat seine Passhöhe bei 1700 Meter. Praller Sonnenschein dort oben. Paradies Hilfsbegriff. Radeln wie im Himmel. Wirklich. Keine Droge kann schöner sein. Grandiose Perspektiven. Mit Jürgen Klinsmanns Worten: Gefühle, wo du nicht beschreiben kannst. Oder… Moment mal … Das ist doch zu schön um wahr zu sein. hat etwa dieses Träumchen mit Zimmer 105 zu tun? Bin ich schon … Kann mich jemand kneifen? Hallo, ist hier wer? Hallooooo!


