Tour Malheur, Etappe 2, Mutriko – Tolosa, 55 km, 1160 Höhenmeter
Der Gast, der hinter mir an der Rezeption steht, spricht mich sofort an. Er will wissen, welches Rad ich fahre. Ich stehe mit kompent verschwitzten Radklamotten im designigen Hotelempfang. Praktisch Fremdkörper. Auf diese Frage habe ich natürlich gewartet. Irgendwann muss mich doch einer ansprechen, hier im Baskenland, der wissen will, warum ein Deutscher mit einem baskischen Rad unterwegs bin. Mein Rad: Orbea. Der Hinweis für Euch: Jetzt kommt Werbung.
Für Orbea hab ich mich keinesfalls entschieden, weil ich irgendwann durch das Baskenland radeln wollte. Zuerst sollte man erwähnen, dass feine Räder mittlerweile in vielen Fabriken hergestellt werden. Und die Rahmen kommen bis auf wenige Ausnahmen alle aus Taiwan. Aber bei Orbea gibt es zwei Argumente, die für mich stechen. Erstens: Orbea hat eine Händler-Unterstützung in Deutschland, die du anderswo nicht findest. Gleich gar nicht im Internet. Du kannst dein Rad sogar im Internet kaufen, wenn du unbedingt willst, aber dann musst du den Namen deines Schraubers hinterlegen, damit der Service auch passt – und der Schrauber was davon hat. Der kriegt nämlich beim Kauf schon einen Anteil. Jetzt jetzt kannst du natürlich sagen, das machen andere auch. Aber jetzt kommt zweitens: Orbea ist eine Genossenschaft.
Die Brüder Orbea hatten einst in Eibar eine Waffenfabrik gegründet. Blöd nur: In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhundert wurden Waffen kaum nachgefragt, also Krise. Daraufhin entschieden sich die Brüder und ihren Präzisions-Know-how auch andere Dinge herzustellen. Kinderwagen hatten nicht so gut funktioniert. Fahrräder schon. Da brauchst du auch – wie bei Waffen – leichte, stabile Rohre, die du präzise verarbeiten und verschweißen musst. Irgendwann hat sich Orbea von der Produktion von Waffen und Kinderwagen verabschiedet. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder Krise. Die Familie Orbea verkaufte ihre Firma, nicht an irgendwen, sondern an die Belegschaft. Seither sind die Basken die einzige Fahrradmarke, die von einer Genossenschaft getragen wird. Inzwischen gehört der Betrieb zum größten Genossenschaftsverbund der Welt: die spanische Mondragon-Gruppe. Was nichts daran ändert, dass die Mitarbeiterin und Mitarbeiter satt um Gewinn beteiligt sind. Und vor allem: Sie entscheiden als Genossinnen und Genossen über Wohl und Weh der Firma. Und das funktioniert seit Jahrzehnten ganz hervorragend.
Soweit der Vortrag, den ich vorbereitet hatte, falls mich irgendwann irgendjemand auf mein Rad anspricht. Jetzt war der Hotelgast halt kein Baske. Wie auch, hätte ja sonst kaum ein Hotel gebraucht. Er war Amerikaner und im Erzählen seiner Story schneller als ich. Was er sofort loswerden wollte: Er sei Fan und Ingenieur der Marke Specialized. Seine erste Frage, ob ich wüsste, mit welchem Rad der letzte Olympiasieger fuhr. Ja, weiß ich. Remco Evenepoel. Rademarke war leicht zu erraten. Muss ich jetzt mit einem unbekannten Ami mit der Genossenschaftsidee kommen? Kurz und gut: Ich lies meinen Impulsvortrag stecken. Braucht man ja auch nicht: einen Europäer, der einem gleich beim dritten Satz dogmatisch daherkommt.
Trotzdem kann ich berichten: Da brauchst du kein schlechtes Gewissen haben, wenn du hierzulande mit einem Problem am Gang bei einem x-beliebigen Schrauber in diesem Fall in Atzkoitia auftauchst und um Einstellung bittest. Keine 5 Minuten und der Gang schnurrt. Dass mir der Gangzug lose geworden ist, hätte durchaus das Zeug gehabt als Malheur des Tages durchzugehen.
Malheur des Tages: die Hitze. Wie komme ich nur auf die Idee, drei baskische Riesenrampen in eine Etappe zu packen? An manchen Stellen hätte die Steigung ausgereicht, um Raketen ins All zu schießen Jetzt kannst du natürlich sagen, mit 33° Gluthitze im Schatten musste man nicht unbedingt rechnen im regnerischen Baskenland. Aber so viel kannst du kaum isotonisches Zeug saufen, wie du hier schwitzen musst. Belohnung des flexiblen Tourdesigns. Ein ganz ein feines Hotel in Tolosa. Die geplante Bergankunft ist auf morgen verschoben, wozu allein die Menükarte des Hotelrestaurants als Argument ausgereicht hätte. Übrigens: Es gibt noch was besseres als Magnesium wenn es darum geht, Krämpfe zu in den Griff zu bekommen. Was für den Moment zuverlässig hilft, ist ein baskisches Viergängemenü.


