Tour Malheur, Etappe 9, Luz-Saint-Sauveur – Saint-Lary-Soulon, 69 km, 2.250 Höhenmeter
Heut mal hübsch aufs Radfahren konzentrieren. An so einem Tag darfst du dich nicht ablenken lassen. Schließlich steht die Königsetappe auf dem Programm. Da kannst du auch im Tagebuch kaum den Fokus verlieren. Tatsächlich habe ich heute kaum an etwas anderes gedacht als Treten, Treten und nochmal Treten. Wenn ich beim Radeln spazieren denke, verlier ich sofort Rhythmus oder Körperspannung oder sonstwas, was mich nicht vorwärts bringt. Also Radfahren jetzt, den Tourmalet hinauf.
„Gemeiner Umweg“ wäre eine adäquate Übersetzung von Tourmalet. Das unterschreibe ich. Eine „Tour Malheur“ muss ja zwangsläufig über diesen Tour-de-France-Klassiker führen. Jetzt mag ich zwar keinen Frühsport, aber selbst mir als Muffel war klar, dass ich zeitig dran sein muss. Wegen Temperaturen. Wegen Schatten und weil ich die Herausforderung nachmittags nicht gepackt hätte, praktisch mit gebrauchten Beinen aus dem Second-Hand-Laden.
Also trete ich kurz nach halb Neun meinen Dienst am Pass an. Der Tourmalet war, historisch gesehen, der erste hohe Berg der Tour de France. Vorher gab’s mal den Ballon d’Alsace als höchstes der Gefühle. Sonst nichts. Erstmals stand der Tourmalet 1910 im Programm. Zu der Zeit dachten die Leute noch, es sei gefährlich in den Bergen, nicht nur wegen steil und Wetter, sondern weil man den Göttern zu nahe kommt. Der Assistent von Henri Desgranges, dem Tour-Gründer, kundschaftete den Pass im Winter aus. Wie ein hundsgewöhnlicher Sommertourist waren ihm die Warnungen der Einheimischen komplett egal. Im nächsten Tag musste er von der Bergwacht geborgen werden. Sein Urteil war eindeutig: Den Pass kann man gut fahren.
Der erste Etappensieger Octave Lapize beschimpfte und den Tourchef danach als einen „elenden Mörder.“ Aber die Rechnung der Tour-Veranstalter ging ja auf. Schließlich war die Tour erfunden worden Zeitungen zu verkaufen. Eine Tourmalet-Überquerung war natürlich die beste Exklusiv-Story, die man sich denken konnte.
Natürlich darf auch die Story von Eugene Christophe nicht fehlen. Tour 1913. Christophe war weit in Führung. Aber bei der Abfahrt brach ihm die Gabel. Also schob er sein Gefährt demütig bergab. Das damalige Tour-Reglement machte ihm die Sache zusätzlich schwer. Fremde Hilfe anzunehmen war nicht erlaubt. Und weil er vorne lag, hatte er einen Aufpasser an seiner Seite. Also schweißte Christoph seine Gabel selbst in einer Schmiede in Saint-Marie-de-Campan am Fuße des Passes. Eine 3-Minuten-Strafe brummte man ihm trotzdem auf. Weil ihm ein Kind beim Bohren zur Hand ging. Diese und andere Tourmalet-Legenden gehören in Standard-Repertoire jedes Historienbuches über die Tour. Man kann die Legenden und Duelle kaum noch zählen. Runde 90 Mal stand der Klassiker inzwischen auf dem Routenplaner. Kein Berg wurde bei der Tour häufiger überquert.
Als Kontrastprogramm wählte ich nach dem Tourmalet die Hourquette d‘Ancizan. Auch so kann ein Pass heißen. Direkt lyrisch. Die Hourquette ist eine Alternativroute zum ebenfalls tourbekannten Col d‘Aspin, aber etwas höher und komplett verkehrsfrei. Bisher nur zweimal in der Tour de France, berücksichtigt. Prompt lässt die internationale Radsportgemeinde den wunderbaren Feldweg links liegen. Im Gegensatz zu Bären. Es war vor zwanzig Jahren ein veritabler Skandal als ein Braunbär fast die gesamte Population an Schafen auslöschte, die in der Nähe der Passhöhe graste. Hinterher wollte man festgestellt haben, dass die Bärin aus Slowenien eingewandert war. Parallelen zum aktuellen Radsport zu ziehen, wäre doch arg weit hergeholt.
Malheur des Tages: Natürlich sind mir am Ende des Tourmalet-Anstieges beide Beine abgefallen. Vielleicht deshalb, weil ich zu früh los bin. Im letzten Ort waren die Läden noch geschlossen. In weiterer Folge, als ich dachte, es kämen noch dreieinhalb touristische Barbetriebe mit lecker Croissants, war Montag geschlossen. Da nützt es nichts, übers Jahr in der Fachpresse immer wieder zu lesen, wie wichtig die Ernährung beim Radfahren ist. Wenn man zu doof ist, rechtzeitig einzukaufen. Andererseits: So gut hat eine ordinäre plat du jour selten geschmeckt. Das sind mir die Beine gleich wieder nachgewachsen. Eidechse Hilfsbegriff.


