Etappe 5, Eugi – Ochagavia, 67 km, 1.350 Höhenmeter
Schön hier! Man kann’s nicht anders schreiben. Durchaus einsam. Als ich morgen gegen Achte auf die Landstraße einbog, war ich über Kilometer hinweg der einzige Verkehrsteilnehmer. Dachte ich. So lange bis in Gegenrichtung ein Radclub entgegen fuhr. Mit seinen rund 25 Clubmitgliedern sollte es eine halbe Stunde dauern bis ich ebensoviele Autos zählte. Der feine Clubdress und der andauernde Schnack wies darauf hin, dass sie morgens in Pamplona gestartet waren. Es sollten noch weitere Radgruppen werden. Heile Welt. Und trotzdem: Die härtesten sind nicht die Radelnden. Es sind andere.
Plötzlich, mitten im nirgendwo, kreuzen Wandersfrauen die Straße. Erkennbar keine Einheimischen. Wahrscheinlich eine feine Region zum Wandern. Ein paar Kilometer später mündet ein weiterer Wanderweg in die Landstraße. Auffällig viele in respektablen Outdoorklamotten unterwegs. Hatte nicht geahnt, dass hier, in einiger Entfernung zu den Pyrenäengipfeln, so dichtes Wanderaufkommen herrscht.
Ich cruise durch Narvarra. Immer noch baskische Einflußzone. Euskal Herria. Entsprechend überall Unabhängigkeitsfolklore an den Wänden. Heiß wär‘s und ich bin froh ums wellige Gelände und den Fahrtwind. „Der Camino!“ Der Funke der Erleuchtung kommt spät. Ich bin auf dem Pilger-Zubringer von Frankreich nach Pamplona, wo es dann auf dem Hauptweg nach Compostela geht. Kommt mir gerade recht. Wo Tourismus, sind auch Bars und mir steht der Sinn nach zweitem Frühstück.
Der Radpilger mal wieder Fremdkörper in der internationalen Wanderelite. In der Dorfbar kannst du ablesen, dass der Camino boomt. Alle Arten von Menschen aus allen Kontinenten in einer Bar in der navarrischen Provinz. Während ich die Tortilla nasche, strömen die Leute die Straße entlang. Der Weg wurde in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts ausgeschildert. Heute wär das nicht mehr nötig, einfach den Anderen hinterherlaufen. Wer pilgert, um allein in der Natur zu sein, sollte sich eine andere Route suchen.
Am Nebentisch erzählt eine Wandersfrau, warum sie hinter ihrem Marschplan herläuft. Ihre Zuhörerin hat ein Fluppe in der Hand. Keine Wandersfrau. Vermutlich die Wirtin. Die Pilgerin hat Knie, das berichtet sie ungefragt. Mein Tortilla beschäftigt mich nicht ausreichend, so dass ich eben zuhöre. Darum habe der Pyrenäenabstieg länger gedauert, protokolliert die Frau minutiös. Sie lief rückwärts, das wäre besser gewesen für‘s Knie. Ich schwanke zwischen Anerkennung ihrer fast flämischen Härte und dem glücklichen Umstand, dass ich einfach weiterradeln kann, ohne sie in ihrer ausführlichen Erzählweise zu beeinträchtigen.
Einige Stunden später schau ich mir die Zahlen derjenigen an, die den Camino jährlich absolvieren. Respekt. Ich entdecke einen Blogbeitrag, der einen auf ein solches Erlebnis vorbereitet. Nägel schneiden wird geraten, mehrere Tage hintereinander wandern, wird empfohlen. Auch wir darauf hingewiesen, dass die Route an Autobahnen entlang führt. Und dann wird man darauf vorbereitet, dass es Menschen geben könnte, die sich einem anschließen, einfach so, und du wirst sie kaum noch los, vor lauter Erzähldrang.
Malheur des Tages: Der Gedanke, dass ich selbst so bin. Praktisch schriftlicher Erzähldrang. Ich hoffe du kannst damit umgehen. Wenn‘s dir zuviel wird, scroll einfach weiter.


