Tour Malheur, Etappe 3, Tolosa – Leitza, 35 km, 550 Höhenmeter
Die Topographie des Baskenlandes sieht aus, als wäre Gott langweilig gewesen. Als hätte er sich – weil er es kann – im Nagelstudio künstliche Fingernägel besorgt und lustlos auf der Erde rumgekratzt. Die Täler sind tief, aber gerade. Nur bei einem Tal kann man dem Schöpfer die kreative Ader nicht absprechen, das schlängelt sich kreuz und quer durch den Kalkstein: das Tal der Leitzaran. Vielleicht hatte Gott die Orientierung verloren. Das Tal probiert auf kürzester Entfernung alle Himmelsrichtungen aus, so dass es ein Wunder ist, dass kein Kreisel dabei entstanden ist. Auf dem Radweg kriegst du fast einen Drehwurm. Straßen gibt’s übrigens keine. Tal zu eng. Nur eine Bahnlinie wurde sich durchs Tal gebohrt. Die jetzt ein Radweg ist. Der mich, in Leitza angekommen, auf wirre Gedanken brachte.
Du musst wissen, das Baskenland ist infrastrukturell durchaus passabel entwickelt. Nehmen wir den öffentlichen Nahverkehr. Die Hauptlinie von Euskotren verbindet Irun im Osten mit Bilbao im Westen. An dieser Strecke sowie den Nebenlinien lassen sich viele putzige Städtchen entdecken. Viel los dort, nichts wirkt provinziell. Wer in vollen Zügen quer durchs Land reist, wundert sich schon, warum die Bahn in jedem Kaff einen Haltepunkt vorsieht. Aber wenn du die Arbeitslosenquoten dieser Dörfer analysierst, bemerkst du, dass Bahnlinie Wunder wirkt gegen Landflucht. Paradox, aber eindeutig. Weil die Leute nicht nur davon können, sondern auch wieder zurückkommen. Arbeitslosenquote Tolosa circa acht Prozent, in Leitza etwa doppelt so hoch bei viel weniger Einwohnern.
Ich hab das mal nachgeschaut, weil ich mich wunderte, warum diese traumhafte Eisenbahnlinie nach Leitza einst still gelegt wurde. 1905 hat man sie gebaut, wegen Eisenerzabbau. Damit die Leute an die Grube kamen und der Rohstoff retour. Weil das Tal so eng war, war es gerade recht, dass damals die Lokomotiven noch Kompaktklasse. Also Schmalspur. Erst später sollte sich herausstellen, dass Schmalspurbahnen für ein größeres Aufkommen dreieinhalb Nummern zu klein sind. Und jetzt kommt wieder dieses enge Tal ins Spiel. 30 Tunnel und eben so viele Brücken plus Gefahr von rutschenden Hängen. Da hast du halt nichts machen können gegen die Laune Gottes. Sagen wir so: Eine TGV Trasse wär‘s nicht geworden Dann noch eine Überschwemmung, die sich gewaschen hat und es war vorbei mit der Verbindung von San Sebastian über Leitza nach Pamplona.
Jetzt sagen alle über Leitza, das sei ein schönes baskisches Dörfchen. Bißle wie Liebenzell ohne Bad. Bißle touristisch, aber nur bißle. Du kennst das vermutlich, wenn du durch ein Städtchen spazierst und du kannst den Leute an der Stirn ablesen, dass sie denken, der Typ war gestern noch nicht da. Und trotzdem: Nett ist es schon, wenn jeder jeden und jede kennt. Das Kaffeekränzchen links von mir, ist vermutlich miteinander zur Schule gegangen. Der Friseursalon ist auch derselbe. Sprache baskisch. Drin am Tresen läuft Pelota, die baskische Sportart im baskischen TV-Sender. Drüben gegenüber vom riesigen Rathaus ist die Kneipe vollgraffitiert mit der typischen Unabhängigkeitsfolklore. Jetzt will ich auf gar keinen Fall der Kleinstaaterei das Wort reden. Sagen wir anders: vermutlich wäre die Globalisierung glücklicher verlaufen, wenn man am anderen Ende eine entschlossene Lokalisierung forciert hätte.
Malheur des Tages: Die infrastrukturell-philosophischen Gedanken über das Baskenland kannst du vergessen, wenn du bemerkst, dass du dir auf der traumschönen Gravelstrecke einen Platten gefangen hast. Vollauf verdient, wie ich zugebe. Das ist keine Strecke für Rennradbereifung. Punkt und Puncture. Also zurück auf die Straße. Morgen.


