Tour Malheur, Etappe 11, St. Girons – Pamiers, 55 km, 600 Höhenmeter
Halbetappe heute. Durch eine traumhafte Landschaft, die vor den Pyrenäen steht wie das Allgäu vor den Alpen. Früh los ist Pflicht. Alle zur Verfügung stehenden Vorhersagen, prophezeien ab Mittag Dauerregen. Während der Fahrt hatte durchaus das Gefühl, dass das leise Vogelgezwitscher, das mich auf den Feldwegen begleitete, auch vom bevorstehenden Regen zwitscherte.
Weil ich gut eingerollt bin, spring ich an dieser Stelle des Tagebuchs nochmal zurück zur bisher größten Herausforderung des Urlaubs. Es war die Anreise mit der Bahn. Du musst wissen: In französischen Schnellzügen brauchst du kein Fahrradticket. Es gibt auch kaum Fahrradstellplätze in den TGVs. Vorteil: Du kommst leichter in die Züge. Nachteil: Du musst dein Rad in eine genormte Radtasche pressen. Mit Rennrädern kann das schon eng werden. Länger als 1,30 m ist die Tasche nicht. Und in Paris ist es besonders doof. Da liegen die Bahnhöfe auseinander. Ich dachte ja erst es wäre eine gute Idee das Taxi zu nehmen. Damit ich mir zwei Packvorgänge spare. Denn ums Fahrrad zu verpacken, musst den Lenker lösen. Und das Vorderrad abnehmen. Für das Vorderrad hat die Tasche eine extra Innentasche. Es kann aber sein, dass die Speichen des Vorderrades mit den Pedalen in die Quere kommen. Alles in allem doofes Gefummel. Übrigens unter Zeitdruck. Das Risiko den TGV zu verpassen ist real. Bißle wie Shopping Queen, nur mit Fahrradmontage.
Darum die Idee mit dem Taxi, weil du dann nur einmal Fummeln musst. Durch die Expertise des Sportskameraden Dietrich Krauß, den ich heute in Pamiers treffe, konnte ich mir das Pariser Stadttaxi allerdings sparen. Er riet mir, das Rad schon im ersten Zug wieder zusammen zu bauen, damit ich gleich in Paris Est startklar bin – und sofort nach Paris Montparnasse radeln kann. Tatsächlich hat mir das die entscheidenden Minuten gebracht, damit ich in Montparnasse das Rad so zeitig wieder einsacken konnte, um rechtzeitig in den TGV Richtung Hendaye zu kommen. Ich war fast überrascht, dass ich den Tag ohne Malheur überstand. Mit Werkzeug vergessen nach dem Packvorgang hatte ich mindestens gerechnet. Ging aber alles reibungslos.
Was ich wirklich vergessen hatte, also gestern, war den Tag des Fahrrads zu würdigen. Das will ich bitte ebenfalls nachholen. Praktisch Welt-Tag des Fahrrads. Dabei fällt nämlich auf, dass wir in der deutschen Sprache eine Eigenheit pflegen. In fast allen anderen Sprachräumen spricht man von einem Zweirad. Bi-cycle. Bi-ciclette, Bi-cicletta. Nur bei uns ist es ein Fahr-Rad. Das Wort Zweirad gibt’s schon auch, aber das verwenden wir als Gattungsbegriff. Jetzt könntest du natürlich sagen, Fahrrad sei ein wenig präziser Begriff, weil es ja zwei Räder sind, die fahren. Andererseits könnte es auch zu Konfusionen führen, sprachlicher Natur. Für einen einzigen fahrbaren Untersatz die Mehrzahl zu verwenden, ergibt ja auch keinen Sinn.
Malheur des Tages: Das ganze Zeugs hab ich dir erzählt, damit du verstehst, warum der Sportskamerad Dietrich morgen unsere gemeinsame Tour mit einem fabrikneuen Vorderrad antritt. Tatsächlich handelt es sich ja immer noch um ein Fahrrad, auch in dem Fall, wenn nur das Hinterrad am Rahmen ist und das Vorderrad fehlt. Im Deutschen wäre es immer noch ein Fahrrad. Das ist sicher. Allerdings kein Einrad. Sondern ein Fahrrad mit nur einem Rad, also mit einem Rad weniger, wenn du mir noch folgen kannst. Anders ausgedrückt: ein unvollständiges Zweirad. Ob es ein Bicycle oder ein Biciclette ist, das bezweifle ich allerdings. Weil Bi- braucht ja zwei Räder und beim Dietrich hat das Vorderrad gefehlt, als er in Pamiers aus dem Zug ausgestiegen ist.
Jetzt fragst du dich vielleicht, warum der Sportskamerad hier in Pamiers aufkreuzt, ohne komplettes Fahrrad, sprich ohne Vorderrad. Darum hab ich dir das mit der Verpackerei für den Zug erzählt. Weil der Dietrich ist in Stuttgart schon in den TGV gestiegen. Super verpackt hat er es. Da hat es sogar noch Platz gehabt in der Tasche mit den Standardmaßen. So lange die Innen-Seitentasche fürs Vorderrad noch leer ist, hat es im Tascheninneren meistens Spiel. Du darfst halt nur nicht den Fehler machen, das Vorderrad am Stuttgarter Bahnhof stehen zu lassen. Sonst fällt dir in Paris Est auf, dass du für den Transfer nach Montparnasse besser das Taxi nimmst.


