Tour Malheur, Etappe 10, Saint-Lary-Soulon – Bagnères-Du-Luchon, 49 km, 1.590 Höhenmeter.
Wolken können besondere Glücksmomente erzeugen. Wenn Wolken reinziehen, bekommst du Fotos, die man nicht so leicht nachstellen kann. Es ist ja schon alles fotografiert auf dieser Welt. Siehe Insta. Den Rest gibst du in Bildgenerator ein, wenn dir herkömmliche Gebrauchsfotos reichen. Profi-Fotografie andere Baustelle. Künstlerische auch. Ich spreche von der touristischen Fotografie mit dem Handy in der Hand. Wenn du ehrgeizig bist, knipst du morgen oder abends. Aber immer an den Vordergrund denken, dann kriegt das Bild die richtige Tiefe. Goldene Regel. Und jetzt guck an: Als die Wolken über das Dorf Azet reingezogen sind, hab ich sogar den goldenen Vordergrund vernachlässigt. Trotzdem passabel geworden. Glücksmoment halt. Mit bitteren Folgen. Weil die Wolken gern mal stehen bleiben. Dann hast du Saunanebel, nur ohne heiß. Und das Gebläse, das dir den Nebel discoartig ins Gesicht hämmert, kannst du auch nicht ausstellen, wenn es schneidig über die Passhöhe herzieht. Der Col d‘Azet soll eine super Aussicht haben, sagen die Leute. Naja. Bei mir muss ein Wolkenbild reichen. Dann war‘s aus mit der Aussicht.
Als Radfahrer fangen deine Problemchen aber erst an. Das sind die Tage, an denen du das Hochstrampeln besonders genießt. Weil Bergrunter verschärft sich mitunter das Thema. Wenn die Wolken dicht bleiben, wirst du „hälenga“ durchnässt. Schönes Wort des Schwäbischen. Hälenga. Weil du erst denkst, ach, denkst du, so schlimm wie befürchtet ist es eigentlich nicht. Irgendwann merkst du aber, dass es vom Rand deiner Schildmütze runtertropft. 800 Höhenmeter tiefer gibt’s dann nichts mehr an dir, was nicht batschnass ist. Dann bist du hälenga nass geworden. Also unmerklich, bißle hintenrum, dabei nicht arg bösartig. Aber schon nass. Nagel’ mich bitte nicht auf die Schreibweise fest. Man soll schwäbische Ausdrücke niemals nicht in Schriftsprache bringen. Weil es nie funktioniert. Die „hochdeutschen“ Laute sind dafür nicht gemacht, fürs Schwäbische. Ist immer irgendwie doof, Dialekt zu schreiben. Außerdem jedes Dorf seine eigene Gosch. Und Vordergrund gehört zum guten Foto.
Während der Col d‘Azet eher unbekannt ist, kennt den folgenden Col de Peyresourde fast jeder Radsport-Fan. Kein maximal hoher Pass, aber auch einer, der in jeder zweiten Tour auf der Speisekarte steht. Meistens irgendwo mitten in der Etappe, was zur Folge hat, dass am Anstieg selten was legendäres passiert ist. Aber auch hier wieder: Achtung Abfahrt. Und zwar zweimal die Abfahrt in Richtung Bagnères du Luchon. Da geht’s fast 1.000 Höhenmeter runter. Tour 1960 war so ein Ding. Und der Schicksalsmoment für den französischen Favoriten Roger Rivière. Über die Passhöhe des Peyresourde hatte Gaston Nencici angegriffen. Der Löwe von Mugello war ein Abfahrer, der den Tod nicht fürchte. Im Feld berüchtigt für komplette Furchtlosigkeit. Weil in Bagnères das Ziel war, sollte die Abfahrt entscheidend sein. Rivière versucht alles, aber an Nencini dranzubleiben war unmöglich. Nencici gewann diese elfte Etappe und Rivière wusste: Wenn er Tour gewinnen will, musste er bergrunter schneller sein.
Drei Etappen später ähnlich Situation. Rivière versucht auf einer Abfahrt an Nencini dran zu bleiben, und stürzt 30 Meter tief in den Abgrund. Karriereende und Rollstuhl. Jahre später gibt Rivière zu, bei zwei seiner Stürze, ordentlich Schmerzmittel intus gehabt zu haben. Er stirbt früh. Wie übrigens auch Nencini, der abseits vom Fahrrad als Kettenraucher galt. Manche Tour-Stories enden trostlos.
Tour 2016. Selbe Abfahrt, selbe Zielankunft. Da begann das Ding mit der komischen Abfahrtshocke. Chris Froome hatte sie das zwar nicht erfunden, auf dem Oberrohr zu sitzen wie ein strampelndes Huhn. Aber er hat auf dieser Etappe ein paar Sekunden gut gemacht, was gereicht hatte, um das gelbe Trikot zu übernehmen. Die UCI hat diesen Blödsinn erst Jahre später verboten. Womit ich aber bitte nicht unterschwellig sagen will, der Froome wäre doof. Das ist nämlich ein feiner Kerl. Aber wenn du mit humorloser Überlegenheit roboterartig viermal die Tour gewinnst, mögen dich die Leute in Frankreich nicht so arg. Wär mit Pogaçar auch passiert. Aber Tadej hat halt erstens einen guten Humor, und zweitens sogar in den seltenen Situationen in denen er nicht vorne ist.
So, wie komm ich jetzt von Pogaçar wieder in meine kleine Welt? Nun, vom Peyresourde hab ich nicht viel gehabt. Außer lecker Pommes in der erfreulich untouristischen Hütte auf der Passhöhe. Wie gut, dass ich halbe Abfahrtshöhe aus den Wolken rausgeschaut habe. Mein zweites Set Klamotten war trotzdem nass. Diesmal sofort, also ohne hälenga.
Malheur des Tages: Ortskenntnis hilft beim Bierbestellen. Ich wurde heute beim Ordern des Bière Zéro zum ersten Mal gefragt, welche Sorte ich gerne hätte. Drei standen zur Auswahl. Weil ein Col de Menthe ganz in der Nähe von Bagnères ist, entschied ich mich spontan für die Wahl mit Lokalbezug. Ich erhielt eine grün schimmernde Flüssigkeit und schämte mich hälenga. Menthe! Kann man schon mal trinken, so ein Minzbier.


