Tour Bonheur, Etappe 16, Carcasonne – Lacaunes-De-Baines, 100 km, 2.020 Höhenmeter
Höchste Zeit, die Vorzeichen zu verändern. Es muss ein Ruck durch diese Tour gehen. Ein Neuanfang. Eine Wende. Alles muss besser werden. Effektiver. Weniger Bürokratie. Weniger Pannen. Darum setzt das Tagebuch heute ein deutliches Zeichen. Ab sofort firmiert unser Unterfangen unter Tour Bonheur. Das ist doch Symbolpolitik, die das Ruder herumreißt, findest du nicht?
Wird sicher nicht alles reibungslos laufen. Es wäre vermessen, das nur zu denken. Aber das Glück, das wir in den Malheuren hatten, sollte entsprechend gewürdigt werden. Wir fahren schließlich auf Ankommen. Ein realistisches Ziel, vor allem dann, wenn man sich spart, zu definieren wo genau. Außerdem: Waren diese maschinenartigen Seriensieger, die den Anderen nie etwas übrig ließen, je sympathisch? Der große Eddy Merckx zum Beispiel war keiner, der das Publikum im Herzen verzückte. Spitzname: Kannibale. Zeugt nicht wirklich von menschlicher Zuneigung. Er wurde natürlich respektiert, gefeiert sogar, weil er alles gewann. Aber sonst? Du erkennst: Im Scheitern liegt das Edle. Und falls ich je einen Leitspruch erküren muss, eventuell weil mich eine Plattform dazu zwingt (LinkedIn), ist es dieser hier vom großen Philosophen Heinrich Steinfest: „Kunst kommt von Weitermachen“. Auch Chris Froome galt als Vertreter dieser maschinenartigen Athleten. In seiner Zeit den Körperdaten hörig und streng nach Messdaten fahren. Etwas ungerecht bei Froome, dessen legendären Giro-Alleingang auf der Etappe über den Colle de Finestre nicht ins Bild des kühl berechnenden und damit seelenlosen Rennfahrers passt. Über Hinault hab ich schon geschrieben. Er gehört auch zum Robotern, die aufgrund bloßer Stärke gewannen. Wer braucht schon Renntaktik, wenn er mit den Beinen alles in Grund und Boden strampeln kann? Andersrum: Schneller Radfahren aufgrund von Stärke ist langweilig. Schneller Radfahren, weil du die Anderen ausfuchst: Das ist Weltklasse.
Auf diese Gedanken kommt man, wenn man durch Mazamet fährt, eine Kleinstadt, in der große Laurent Jalabert geboren wurde und auch heute noch lebt, wie die Spontanrecherche im feinen kleinen Restaurant bestätigte. Jaja gewann selten. Aber er war ein Held, keine Frage. Die Franzosen feierten ihn, vor allem weil er alles drauf hatte. Er begann als klassischer Sprinter, wurde 1992 Vize-Weltmeister bei einer Sprintsankunft, veränderte seine Fahrweise im Laufe der Jahre. Auf der Tour 1994 kollidierte er mit einem Polizeimotorrad und kämpfte sich wieder heran an die Weltspitze. Er gewann die Vuelta, die Lombardia und Mailand-Sanremo je einmal. Eine merkwürdige Kombination an Siegen. Weil man dafür unterschiedliche Fähigkeiten braucht. Jaja hatte alle. Die Lombardia ist was für Bergfahrer. Mailand-Sanremo gewinnen endschnelle Leute. Wenn du eine freiwöchige Rundfahrt gewinnen willst, musst du kontrollieren können, ob du es durchhältst. Jalabert konnte alles. Darum war er so respektiert. Er brachte seine Klasse zu selten ins Ziel, aber du wusstest: Wenn Jaja am Start ist, könnte was ungewöhnliches passieren. Er war ein Draufgänger und immer für eine Überraschung gut. Dazu gehört auch, dass er einging, wenn er mit einem Ausreißversuch kläglich scheiterte. Solche Fahrer lieben die Franzosen: die alles probieren. Was natürlich auch stimmt: Zu Jalaberts Zeiten hatte die Grand Nation keine anderen Super-Helden. Aber die Bemerkung fühlt sich fast schäbig an. Jalabert wäre in jeder Epoche ein herausragender Fahrer gewesen.
Bleibt die Frage, was die tourenden Sportskameraden aus der Jaja-Heimat mitnehmen konnten. Antwort: Nichts, außer einem vorzüglichen Mittagessen. Hinter Mazamet am zweiten Berge des Tages waren wir noch bester Dinge. Aber wenn du lange Berge gewohnt bist, und plötzlich kilometerlang Wellenreiten darfst, brauchst schon ein gutes Maß fürs eigene Tempo. Einige Wellen lang hatte ich genau gespürt, dass ich richtig lag mit der Dosierung. Dann plötzlich: Doch nicht.
Zumal Anfängerfehler: Nach den halbwegs gut strukturierten Pyrenäen, hatte ich nicht damit gerechnet, fünfzig Kilometer keinen Laden oder gar eine Bar anzutreffen. Die Energieriegel oder die Bananen, die ich zu Beginn meiner Tour reflexhaft morgens shoppte, naja, manches lässt nach mit der Zeit. Nicht nur die Beine.
Bonheur des Tages: Andererseits ist es ja gerade klasse diese Zwischenräume zu erkunden. So viel Gegend hier, erst in der Morgensonne durch das traumhafte Orbieltal gecruist, dann auf der anderen Seite des Mazamet-Tals in … wohin eigentlich … in die unendlichen Wald der Haute-Languedoc eingetaucht. Und mit jedem Korn, dass du radelnderweise auf den Sträßchen liegen lässt, wird die Gegend noch schöner. Jetzt nur mal zum Vergleich: Schau dir mal die Freude an, die Radfahrern an einer Anhöhe im Gesicht steht, wenn sie absteigen und die Aussicht genießen. Schau dir dann die an, die aus dem Auto steigen. Liegt alles nur daran, dass das Radeln länger dauert. Ein Lob der Langsamkeit. A la Bonheur!


