Tour Malheur, Etappe 14, Sorgeat – Caudiès-de-Fenouillèdes, 64 km, 1.350 Höhenmeter 

Was willst du machen? Dank des Sportskameraden Dietrich ist das Malheurniveau dieser Tour durch alle Decken geprescht. Und das bereits in den ersten Minuten seiner Mitwirkung. So ist das halt: Wenn du mit Deutschlands fantasievollstem Alltagskabarettisten unterwegs bist – der obendrein bereits in Minute null zur Topform aufläuft -, lebst du als normaler Tagebuchschreiber eben damit den Sidekick zu geben. Du kommst dir dann schon als Streber vor, wenn du nur übers gewöhnliche Radeln mit zwei Räder schreibst. Aber die Meisterschaft am Malheur musst du anerkennen – und das absolut neidlos. 

Also haben wir zwei normale Radler mit insgesamt vier Rädern heute versucht, so unspektakulär wie nur möglich den Col de Pailhères hochzutreten. Als Hors Categorie klassifiziert ist dieser Pass, wie uns unser B&B-Gastgeberehepaar versicherte. Hors bedeutet: einer der anspruchsvollsten Berge, die die Tour de France zu bieten hat. Damit hier der Protzfakor nicht auch noch durch die Decke prescht, sei folgende Relativierung gestattet. Als Hors Categorie ist er nur dann klassifiziert, wenn man den Col von der anderen Seite bezwingt. Da geht’s von rund 300 Höhenmeter auf satte 2000 Höhenmeter rauf. Dagegen mussten wir von unserer Seite weniger bezwingen. Sagen wir dreieinhalb Schwäbischealbaufstiege, so ungefähr, nur damit du eine international nachvollziehbare Vorstellung bekommst. Runter dann fast sechs Schwäbischealbabfahrten in nahtloser Folge, wobei du in rund einer halben Stunde alle Klimazonen Westeuropa durchquerst. 

Bei der Höhenangabe des Passes ist zusätzlich Vorsicht geboten. 2.001 Höhenmeter – ich bitte dich. Da kannst du den Willen zum bemühten Messergebnis an einem Meter ablesen. Ein Trick aus dem 99-Cent-Laden. Nur andersrum. Keine zwei Jahrzehnte her ist das nämlich, als man nochmal nachgemessen hat. Abrakadabra. Plötzlich war der Pailhères 2.001 Meter hoch statt wie vorher 1.679 Meter. Dafür gibts wohl allerlei lotrechte Begründungen. Die Wichtigste wird allerdings sein, dass sich‘s wuchtiger anhört. Gibt übrigens signifikant viele Menschen, die am 1.1 geboren sind. Einfach weil keine Behörde da war, um den genauen Tag aufzuschreiben. Jetzt bist du aber kein Mensch ohne Geburtsdatum. Nicht überhaupt und bei Formularen gleich zweimal nicht. Also muss jemand was reinschreiben bei Tag und Monat. Wobei in vielen Einwanderungsländern die zuständigen Beamten einfach den 1.1 reingeschrieben haben. Genau so fantasievoll vorgegangen wie beim Pailhères , der 2.001 Meter hoch ist. Weil einer von der Tourismusabteilung bei der Messung daneben gestanden ist.

Nach der Abfahrt vom Pailhères landest du in einer Schlucht. Mein lieber Herr Geologieverein. Da musst du schon das Radel-Schildmützle hochklappen, damit du noch Tageslicht siehst. Wobei man in dieser Schlucht wieder gesehen hat, wie hervorragend das radelnde Fingerspitzengefühl des Sportskameraden Dietrich ausgeprägt ist. Was unter anderem mit einem Verkehrsschild zu tun hat. 

Persönlich muss ich ja zugeben, dass ich von allen überflüssigen Verkehrsschildern den Steinschlag für komplett verzichtbar halte. Jetzt nur mal logisch gedacht. Wenn du Schlucht und Felsen siehst, guckst du als Verkehrsteilnehmer gefälligst dort hin, wo du sowieso hingucken sollst: auf die Straße. Damit du nicht über einen Felsbrocken fährst, der da rumliegt. Dazu brauchst du eigentlich kein Schild. Weil Menschenverstand und Fahrschule lehren, dass du grundsätzlich dahin zu gucken hast, wo du hinfährst. Übrigens auch nachts. Du könntest ja argumentieren, dass du nachts die Felsen links und rechts nicht siehst. Aber auch das ändert nichts dran ändert nicht am Grundsatz: Gradaus gucken und stets angemessene Geschwindigkeit fahren. Das  Steinschlagschild ist ja auch keine Einladung zu Reallife-Tetris. Wenn das so wäre, müssest du ständig nach oben gucken, um den herunterpurzelnden Brocken auszuweichen. Da muss ich schon sagen, das hat der Dietrich besser gelöst, als so ein Tetrissteinchen von irgendwo oben auf der Fahrbahn aufschlug. Der hat einfach den Brocken kontrolliert vor sich runter kommen lassen. Nicht hochgeguckt – und ganz konzentriert den Stein umfahren. 

Mal ehrlich: Wenn‘s ihn erwischt hätte, hätte es sicher nicht als Malheur gezählt. Malheur ist schon ein Missgeschick und kein Unfall. Alles, was in die chirurgische Abteilung spielt und alles, bei dem die Chirurgen sagen, sind wir erst zuständig, wenn der Zustand stabil ist, würden wir hier im Tagebuch sowieso verschweigen. Nicht, dass sich jemand unnötige Sorgen macht. 

Malheur des Tages: Landsmänner! Dieser Pailhères ist ja ein wunderbarer Pass. Landschaftlich abwechslungsreich, geschwungene Kurven, Serpentinen, Aussicht – alles vorhanden, was du haben willst. Was du in dieser Idylle nicht haben willst: 20 Porsche hintereinander mit Stuttgarter oder mehrstelligen Neckarraum-Kennzeichen, sämtlich Möchtegern-Fittipaldis am Steuer, allesamt Meister des jaulenden Zwischengases. Die überholen auch in unübersichtlichen Kurven, weil: Gruppenzwang und wer human fährt, verliert. Du musst ja die Sau rauslassen, wenn du mehr als fuffzig Bausparverträge verkauft hast und eine Incentivreise machen darfst. 

Da müssen wir zugeben: Bißle herkunftsgeschämt haben wir uns schon, als die an uns vorbeigebrettert sind, die Gasfüße. Vor allem angesichts der erfreulichen defensiven Fahrweise der Einheimischen. Das muss man echt mal loben, die Fahrweise der Franzosen. Très charmant. Und als wären die Schwabenpfeile  nicht genug, sitzen heute beim Abendessen am Nebentisch: drei ehrenwerte Herren aus unserer geliebten Metropolregion. Drei Checker vom Neckar. Einer von der Sorte: Ich bin schon seit 20 Jahren hier auf Urlaub und erklär dir die Seele der Berge. Obwohl wir ihn nicht um Erklärung gebeten hatten, den eingeborenen Schorndorfer. Nach jedem Satz hat der in seiner Besserwisserei nochmal Zwischengas gibt. Und da kann ich dir sagen: Es stimmt nicht, dass man mit allen Leuten den Dialog suchen muss. Vor allem, wenn sie dir neunmalklug daherkommen, und dich dann doof anglotzen, weil sie vom Pailhères noch nie gehört haben. 

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