Tour Malheur, Etappe 11, Bagnères-Du-Luchon – St. Girons, 78 km, 1.560 Höhenmeter
Die Franko-Insider werden den Namen Arriège schon gehört haben. Es handelt sich dabei um ein Département in den weniger spektakulären Pyrenäen. Dort, wo keine hohen Gipfel sind. Oder anders formuliert, wo die hohen Berge nicht auf der französischen Seite liegen, sondern drüben in Spanien oder Andorra. Die Oberschenkel brennen mir trotzdem. Weil du als Straßenbauer in jeder bergigen Region kernige Steigungen zaubern kannst. Einfach die Serpentinen weglassen, dann geht das easy. Noch besser: Gleich unten im Tal mit hohen Steigungsprozenten beginnen. wie bei der Einfahrt in den Col de Portet d’Aspet. Wenn deine Beine von der vorigen Anfahrt noch kalt sind, und zusätzlich noch ein paar Spurenelemente Laktat in den Muskeln, dann brennt es, dass du dich am liebsten gleich auf den OP-Tisch legen möchtest. Jaja, die Sportkameraden wissen: Nur ein paar Minuten durch das Anlauflaktat hindurchtreten, so lange bis die Durchblutung der Muskeln wieder auf Max läuft, dann geht das wieder. Will ja auch nicht meckern über meine selbstgewählten Strecken. Jeder, der schon mal einen Rampenfeldweg in der Marken, in den Ardennen oder im Mittelschwarzwald durchgetreten hat, weiß, dass hier nicht plötzlich dolce Vita eingekehrt ist, nur weil die bekannten Pässe fehlen. Nun, so ganz unbekannt ist der Col de Portet d’Aspet auch wieder nicht. Fabio Casartelli ist dort gestorben bei der Abfahrt. Einer von 4 Toten während der Tour de France. Der Erste ist übrigens im Mittelmeer ertrunken. Am Ruhetag beim Baden. Wenn ich es dir sage. Aber zu Erfreulicherem:
Vorteil dieser eher weniger besuchten Gegenden wie die Arriège: Wenn du Glück hast, liegt ein Château auf dem Weg, eins mit Park und PiPaPo, für das du nicht mehr blechen musst als für eine zweifelhaftes Berliner Stadthotel mit Blick in den verratzten Innenhof. Stellt Euch also vor, ich tippe diese Zeilen in der lauen Fünfeabendssonne am Pool. Château de Beaurégard. Hört sich gut an, oder? Wollte halt auch mal protzen. Danke. Ist aber schon wieder vorbei. Weil an diesem ziemlich perfekten Etappentag hab ich mich nur einmal kurz geärgert – und zwar so, dass ich fast eine Spontanhetzschrift formuliert hätte. Abkotzen milde formuliert. Also in aller Kürze.
Oldtimerfahrer! Und Oldtimerfahrinnen! Speziell auf so neumodischen Rallye-Ausfahrten, mit denen du grad sauber Kohle machen kannst. Weil Zielgruppe: feine Gesellschaft. Und bei den organisierten Oldtimerreisen hast du ja nur Leute, die sich selbst zu schade sind, ihren Ausflug zu organisieren. Drei Fragen an die Kundschaft hätte ich in diesem Zusammenhang: Wie dekadent kann man sein? Wie blasiert kann man aus seinen Poloshirts gucken? Und was für ein Arschloch muss man sein, wenn man als Rennfahrer-Biberle-Witzfigur die Kurve so schneidet, als wären alle anderen Verkehrsteilnehmer Abschaum, der eh weg kann. In Deutschland kriegen die Oldtimer Steuererlass. H-Kennzeichen. Pauschalbesteuerung. Den gesellschaftlichen Nutzen muss mir bitte mal einer erklären. Aber für den öffentlichen Nahverkehr fehlt das Geld. Durchatmen, Bernd.
Oben an der Passhütte hab ich mir den blasierten „Amazing“-Mist dieser Erbengeneration anhören müssen. Ein Crêpes lang. Bitte erspart mir die Details. Diese Peter-Thiel-Lookalikes unerträglich banal. Jetzt nichts gegen Schrauben und eine gepflegte Liebe zu alten Sachen. Erhaltenswert, absolut. Mag ich sehr. Aber es darf erwähnt werden, dass keiner dieses Seitenscheitel mit Mensch untendran unter ein Auto passt. Der Reparaturkonvoi ist ja in der Rallyepauschale mit drin. Muss ja. Sonst wird das Poloshirt ölig beim Reparieren. Die Veranstalter müssen sich vorkommen wie früher die Sherpas. Harter Job, bei der Kundschaft.
Falls du jetzt denkst, da ist der Tagebuchschreiber aber falsch abgebogen – nicht nur launetechnisch sondern überhaupt – hast du vielleicht recht. Aber meine Strafe hat nur rund zwei Stunden auf sich warten lassen. Erstmal muss ich ja zugeben, dass ich ein paar Augenblicke nach dem Schreck in der Kurve die Situation gleich wieder vergessen hatte. Man lässt sich ja die Laune nicht vergällen. Nicht länger als nötig. Vor allem, wenn auf dem letzten langen Talstück, das Arriègelandsträßle immer noch schöner wird. Da bist du wieder ganz eins mit der Welt. Leicht abschüssig ist’s zudem, und wenn du den großen Gang drückst, siehst du förmlich wie die Oberschenkel freundlich zurücklächeln. In dieser vollständigen Glückseligkeit biegst du in den Park ein, Allee schwacher Ausdruck. Dann lenkst du vor dem Château nach rechts. Türmchen hier, Türmchen da. Nicht allzu protzig, aber schon was Besseres. Rezeption. Du checkst ein und denkst für einen kurzen Moment, dass man hier keinen Fehler finden kann. Freundliche Leute auch. Dann schiebst du dein Rad in die dafür vorgesehene Gartenhütte. Vorbei am Parkplatz. Genau. Ferrari. Schätze Achtzigerjahre. Zum Glück ein Einzelexemplar. Aber der Beweis: So viel besser wie die Oldie-Fatzkes bin ich halt auch nicht.
Malheur des Tages: Nicht nur dieses Tages.
Eigentlich ständig. Du kennst vielleicht Pig-Pen, die staubige Figur von den Peanuts. Charles M. Schultz soll später bereut haben, die Figur einzusetzen. Braucht er auch nicht, es gibt ja mich. Wenn ich mittags in den Radklamotten beim Essen sitze, musst du nur ein paar Minuten warten, dann haben sich alle Stubenfliegen an meiner Ecke versammelt. Fanklub schwacher Begriff. Dauert nicht mehr lang, dann geb ich Autogramme.


