Drecksacks Tochter

Tour Malheur, Etappe 7, Montory – Eaux-Bonnés, 62 km, 1.510 Höhenmeter 

Klingt doch nett: Col de Marie Blanque. Irgendwie lieblich, oder? Aber von Namen sollte man sich nie täuschen lassen. Vermutlich stammt die Bezeichnung von einem Geier mit auffällig weißen Flügeln, der wurde in einem einheimischen Dialekt als „weiße Marie“ bezeichnet. Natürlich spukt auch irgendwo eine Sagengestalt auf, die ebenfalls verdächtig ist, dem Pass seinen Namen gegeben zu haben. Persönlich glaub ich aber eher die Sache mit dem Geier. Nicht weil ich ihn gesehen habe, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass er über der Westrampe kreist und auf Radler wartet. Denn die Marie Blanque ist zweifelsohne die kleine Tochter eines veritablen Drecksacks. Wenn du sie von Westen angehst. 

Zugegeben: Ich hätte ihn umfahren können, den Col der weißen Marie. Aber wenn du schon hier bist, kannst du einen legendären Radsport-Anstieg nicht weglassen. Kneifen giltet eh nicht. Natürlich ist es ziemlicher Unfug, sich seine Route nach Radsportereignissen auszusuchen. Grad früher, als es noch keine TV-Dauerübertragung gab, war es den Rennroutenplanern eher egal, ob eine Route touristisch attraktiv ist oder nicht. Erst neuerdings achten Städte und Gemeinden, die für die Rad-Ereignisse viel hinblättern auch darauf, dass die schönsten Ecken entsprechend befahren werden. Die Westrampe des Col de Marie Blanque hat jedenfalls nichts, was man gesehen haben müsste. Außer Prozente. Die Ostseite soll schön sein. Aber da hab ich vor lauter Wolken kaum die Kühe gesehen, die einen Meter neben der Straße grasten. 

Der Marie Blanque hat mich an den Fedaia erinnert. Den hab ich vor Jahren mal in einem Tagebucheintrag als Drecksack bezeichnet. Weil er am Ende einfach nur grade nach oben führte und das mitunter in zweistelligen Prozentsteigungen. Da kann der Pass zuschauen, wie ein Radler nach dem anderen eingeht. Grad so wie die weiße Marie, also der Geier jetzt. Der kreist dei gesamte Rampe über dir und wartet bis du kapitulierst. Nicht dass der Pass hier mächtig hochalpin wäre. Aber er geht halt 500 Höhenmeter steil. Gern mal 15 Prozent, nie unter 11 Prozent. Ohne Serpentine. Einfach Trost- und rastlos geradeaus nach oben. Du kämpfst vier Kilometer einfach nur darum, im Sattel sitzen zu bleiben. Und wenn du dann bei 11 Prozent plötzlich das Gefühl hast, es kommt wieder Rhythmus in deinen Tritt, dann weißt du, dass irgendwas nicht stimmt. Vermutlich haluzinierst du gerade. 

Jetzt warum ist der Col de Marie Blanque  so legendär? Das hat mit der Tour de France 1986 zu tun. Du musst wissen, im Jahr zuvor hatte Bernard Hinault gewonnen. Mit der Hilfe seines jungen Teamkollegen Greg Lemond. Hinault hatte dem Lemond daraufhin versprochen, dass er ihm ein Jahr später zum Toursieg verhilft, dem Lemond. „La Vie Claire“ heiß das Team damals, gesponsert von eine Naturkostkette. Auch so was wie Marie Blanque. Schöner Name eigentlich.

Jetzt hatte Hinault aber ein anständiges Zeitfahren hingelegt in einer frühen Etappe und lag früh im Gesamtklassement vor Lemond. Lemond wunderte sich schon geraume Zeit, was der Hinault unter ‚Helfen“ versteht. Und vor dem Marie Blanque an einer Verpflegungstation (wo anständige Sportler bis heute nicht attackieren) fährt der Hinault mit einem Spanier eines anderen Teams auf und davon. Bis der Lemond das gemerkt hat, war es schon zu spät. Bei der Etappe hat Hinault nochmal ordentlich Vorsprung rausgefahren. Mit einer der größten Drecksackaktionen in der Radsportgeschichte. Kommt ja noch dazu, dass der Spanier nicht irgendjemand war, sondern Pedro Delgado, also der größte Konkurrent von allen. 

Die Tour hat dann der Lemond noch gewonnen. Hinault war nie ein guter Taktiker. Der konnte halt Radfahren. Aber nicht, dass er irgendwie Ausgefuchster als die Anderen war. Der Trottel hat tags darauf gleich nochmal angegriffen. Muss sich unendlich stark vorgenommen sein. Lemond sagt später über ihn, dass es Hinaults größte Schwäche gewesen sei, dass er sofort glaubte, wenn einer zu ihm sagte, er sei Superman. Superman platzte jedenfalls bei der nächsten Pyrenäenetappe mit lautem Knall. Lemond machte rund 7 Minuten gut. Da lagen die beiden wieder gleichauf. Und in den Alpen war Lemond der Bessere. 

Malheur des Tages: Weiß man nicht erst seit  Hinault. Solche Rampen bleiben mitunter in den Beinen hängen. Ich kann dir also erst morgen sagen, ob es ein Superman-Malheur war, die Route über die weiße Marie zu legen. Wie gesagt: Ich hätte sie auch umfahren können. 

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