Tour Malheur, Etappe 6, Ochagavia – Montory, 88 km, 1.680 Höhenmeter .
Es gibt Sehenswürdigkeiten, die man nicht gesehen haben muss. Eine davon hab ich mir natürlich angeschaut, schon letzten Sonntag beim Start zu dieser Tour in Irun: die Fasaneninsel. Ein unbewohnter Berzel voller Gestrüpp mitten im Grenzfluss Bidasoa. Keine Einwohner. Nichts außer Gestrüpp. Kein Fasan weit und breit. Bemerkenswert ist das Fasaneninselchen trotzdem, weil es vermutlich der einzige Flecken Erde ist, der zwei Ländern gemeinsam gehört. Das unbrauchbare Flussinselchen gehört von Februar bis Juli zu Spanien. Von August bis Januar gehört es zu Frankreich. Die Abmachung ist Teil des Pyrenäenfriedens und besteht seit Sechzehnhundertsoviel. Das Erhellende, wenn du die Insel trotzdem besichtigst: Es bestätigt sich der Verdacht, dass es sich nicht lohnt, um die paar nutzlosen Quadratmeter in irgendeiner Form zu streiten.
An das Inselchen musst ich heute wieder denken, apropos fantasievolle Nachbarschaftsbeziehungen. Ich hatte immerhin 1750 m Meereshöhe erreicht, um Navarra Richtung Frankreich zu verlassen. Der Pass Pierre de Saint Martin eine absolute Naturschönheit. Von Spanien kommend windet sich die verkehrslose Straße durch eine hochalpine Karstlandschaft, wie ich sie noch selten gesehen habe. Feinste Serpentinen und sogar ein Kreisel ist dabei. Auf Mallorca wird so ein Straßenbauwerk millionenfach fotografiert. Sa Calobra. In den Pyrenäen interessiert‘s kein Mensch. Obwohl es hier die schönsten Geschichten gibt. Und auch hier geht’s um die französisch-spanischen Beziehungen. Genauer gesagt: es geht um einen der ältesten Verträge Europas, die noch gelten. Weil sie schon geschlossen wurden, als nur das gesprochenen Wort gelten konnte. Die Story spielt am Pass Pierre Saint Martin.
Nach der Sage soll es sich in Vierzehnhundertsoviel begeben haben, dass sich zwei Bauern an der selben Tränke mit ihren Kühen trafen. Der Eine war ein Bauer vom spanischen Tal, der andere von der französischen Seite. Natürlich sofort Streit ums Wasser. Und wie es in Sagen halt zugeht: Mord und Totschlag. Ein Bauer weniger. Worauf sich die Dinge entwickelten, wie bei jeder guten Geschichte , die von Clankriminalität handelt. Gewaltspirale. Erst gehen die Familien aufeinander los, also Mord und Totschlag im großen Stil, dann ganze Dörfer oder sogar Täler. grad ein Wunder, dass keine Könige ihre Armeen losschickten. Ein grausliches Gemetzel war‘s allemal.
Eine Friedensschlichtung musste her – und oh Wunder – beide Parteien einigten sich darauf den Urteilsspruch der Pfaffen anzuerkennen, wie er auch ausfallen mochte. Und das ist bis heute der älteste Vertrag Europas. Seither überreicht die französische Seite der spanischen Seite an jedem 13. Juli des Jahres drei Kühe. „Frieden sei mit dir, Frieden sei mit dir, Frieden sei mit dir.“ Die Grußworte müssen dreimal gesprochen werden, sonst gilt’s nicht. Das Zeremoniell ist Anlass für ein Fest, oben am Grenzstein de SaintMartin. Dann werden die Kühe als Tribut übergeben. Tadellose Exemplare müssen es sein. Im Gegenzug dürfen französische Kühe auf der spanischen Seite weiden, wie sie wollen.
Jetzt kannst natürlich sagen: Super, so macht man das. Drei Kühe jährlich und ab geht die wilde Party. So sollten doch alle Konflikte dieser Welt gelöst werden. Aber jetzt will ich dir nicht allzu rührselig rüberkommen. So einfach geht’s halt nicht. Nimm zum Beispiel den Dackel meiner Nachbarn. Dem hab ich schon alle Friedensoptionen angeboten, damit er ruhig wird. Von Dada Dudu bis Gartenschlauch. Aber er kläfft und kläfft. Und kläfft. Jedesmal wenn ich im Garten bin. Bis wir beide eine jährliche Feier am Grenzzaun abhalten, von mir aus mit der Übergabe von drei Leckerli, da muss noch viel passieren. Stand jetzt würde ich sagen: Zwischen mir und dem Dackel steht noch ein Bergmassiv, höher als die Pyrenäen. Wenn er wenigstens zwischen Februar und Juli seine Schnauze halten würde….
Malheur des Tages: Wann lern ich es endlich, bei langen Abfahrten konsequent durch die Nase zu atmen? Einfach Mund zu. Ist das so schwer?


