Tour Malheur, Etappe 1, Irun – Mutriku, 85 km, 1570 Höhenmeter.

Jetzt geht das wieder los. Sogar erfolgreicher als gedacht. Radsporttechnisch. Neulich hatte ich in einer Kolumne geschrieben, dass ich gerne ein Flandrien wäre. So spricht man in Flandern ehrfurchtsvoll von den harten Haudegen, die Wind, Wetter und Pflastersteinen trotzen und trotzdem Stunden vor den Anderen im Ziel sind. Jetzt fahr ich grad in den Jaizkibel rein. Erster Berg. Mal ganz versammelter Trab. Trotzdem passiere ich zwei Strampler, worauf von hinten einer schreit. „Hey, dich hab ich doch gestern im Zug gesehen“. Sprich Einladung zum zusammenstrampeln. Und jetzt kommt‘s: Sagt der doch glatt, er hätte gedacht, ich sei ein Belgier. Gut, könnte auch an der Kappe gelegen haben, die mir der Michl neulich verliehen hat. Aufschrift auf dem Kappenschild: Flandrien. Andererseits weiß ja jeder: Wenn du was Geografisches auf T-Shirt, Kappe oder den Socken stehen hast, kommst du ja nie von dort. Ungeschriebenes Gesetz: Du warst nur dort. Auf Urlaub. Nur Trotteln sind auf ihre Herkunft so stolz, dass es im rechten Bereich zu Ausnahmen von der T-Shirt-Regel kommt. Oder du hast Insidercodes, Telefonvorwahl zum Beispiel. Aber lass mich das Tagebuch nicht mit rechten Deppen beginnen. Wir haben dann auf halber Höhe an der Kirche Guadeloupe eine gemeinsame Pause eingelegt. Merke: Die legendären Aufstiege des Radsports: immer Kirche. Im Fall vom Jaizkibel steigt der Berg nach der Kirche senkrecht gen Himmel. Wenn du da kein Tempo rausnimmst, gibt‘s nachher ein paar, die ein Kerzle in der Kirche für dich anzünden. Alsoschön den Kriechgang einlegen. Auch alternde Flandriens bitte hübsch langsam.

Andererseits Vorteil des Kriechgangs. Du kannst Aussicht ausführlich genießen. Auf der letzten Etappe der letzten Tour hatte ich mich geringfügig abwertend über das Meer geäußert. Also das Meer an sich. An dieser Stelle sollte ich präzisieren. Das Meer ist klasse, wenn es vierhundert Meter unter ist. Wenn du von Bergen wie im Schwarzwald runterschaust, als hätte man die Rheinebene geflutet, trotzdem kein Badestrand weit und breit, praktisch Balkon de Biskaya, von dort weht eine leichte Brise. Und dann geht die Strecke in weit geschwungenen Kurve leichten Tritts nach unten. So geht das fünfzehn Kilometer, drei Landwirtschaften, lass es vier sein, mehr nicht. Träumchen. Zugegeben wenn du wieder auf Normalnull bist, musst du aufpassen, nicht frontal in die Schrottindustrie von San Sebastian reinzusausen. Gibt ja auch dort einem Industriehafen und Heizkraftwerk, beide garantiert in keinem Reiseführer erwähnt.

Als ich dann westlich über den Monte Igeldo cruise, nur mit freundlichen Grüßen. Also dauernd. Was die Basken an einem Pfingstsonntag zusammen radeln, legendär. Aber nicht wie in Italiener an den Renommierbergen aufgebrezelt wie Stylekongress. Basken eher Understatement. Normale Klamotten, aber richtig Wumms. Je steiler die Abfahrt, desto mehr fahren dir entgegen. Alle mit freundlichen Grüßen. Als ich den Igualdo runter surfe, mindestens sechzig im steilen Aufstieg. Kein Radsportclub, kein Rennen. Einfach ganz normale Sonntagsathletinnen und -Athleten. Extrem grüßfreudige Leute. Vielleicht auch weil ich allein radle, bißle sozial gedacht. Dem Michl hat die Tour ja nicht in den Formaufbau gepasst.

Bei der Grußformel dachte ich zuerst: Kommt mir österreichisch vor. Ganz kurz, Langes A hinten, wie „BabAAA“ nur ganz anders. Tatsächlich feuern die dich an. „Aupa“ ist ein baskischer Gruß, im Sinn von „hochheben“, „aufrichten“ oder „anfeuern“. Das Weltwissen aus dem Telefon will auch wissen, dass man in anderen Teilen Spanien auch Aupa gegrüßt. Baskisch hin oder her. Ist das nicht toll? Nicht nur Hallo, Servus oder Griaßdi. Sondern Schwung reinbringen in den Gruß. So wie man hierzulande die steilen Rampen hochsticht, wird auch gegrüßt. Mit Feuer unterm Arsch. Noch bei zweistelligen Steigungsprozenten locker und freundlich. Beeindruckend.

Malheur des Tages: Gleich nach dem Industriehafen hab ich die Route verloren, also abgeändert. Wundervolles Dorf. Donibane. Jetzt kein super Geheimtipp, aber wenn du aus Versehen reinstolperst, macht was her. Eine lange Reihe alter Steinhäuser zwischen Bucht und steilem Fels. Führt ne enge Gasse durch, also unten durch die Häuser, dass du denkst du radelst durch den Keller. Aber klarer Fall, falsche Seite der Bucht und wo ist nur die Brücke, die mir das Navi anzeigt? Mann, hab ich gesucht. Keine Brücke, nirgends. Wollte schon umdrehen. Aber so ne Navi-Linie könnte auch ne Fähre sein. Willkommen auf der Sardelle. Kleiner kann eine Fähre kaum sein. Zwei Gäste auf der einen Seite, der Flandrien mit Rad auf der anderen. Voll. Mensch war ich froh, dass wir nicht selber rudern mussten.

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