
29 Aug. Weltkultur
Neues von den Balkanplatten, Etappe 7, Biograd – Trogir, 99 km, 1000 Höhenmeter
Was die Balkan-Frage betrifft, folgender Vorschlag: Balkan ist dort, wo die Dauerbeschallung in den Gaststätten mit extra fettem Pathos ausgestattet ist. Was da vorgetragen wird, hinterlässt stets den Eindruck, als würden grundsätzlich nur wichtige Themen verhandelt, nichts lakonisches oder beiläufiges. Diese leichte Muse scheppert mit permanentem Ernst durch Restaurants und Bars – und wahrscheinlich bin ich froh, dass ich von der Schwere des Inhalts überhaupt nichts verstehe. Fest steht: Die leichte Muse hat hier nichts zu lachen. Die Tiefe der Interpretation lassen keinen anderen Schluss zu. Oder die Musikszene leidet kollektiv an Overacting. Was weiß ich schon.
Was ich unmißverständlich verstehe ist die Schwere meiner Beine. Dabei wäre heute eine Etappe, auf der du gar nicht treten müsstest, wenn du einen Kite-Schirm aufspannen würdest. Der bläst dich von alleine heute. Dazu der Floff gestern nur zwei Kugeln Eis bekommen, statt drei. Also bißle im untergelatierten Bereich, da heißt es vorwärts kommen. Und der Fritz motiviert wie immer. Einziges Kite-Problem. Das Ding würde dich in Gegenrichtung ziehen. Will sagen: Gegenwind ist auch ein Berg. Was dich als Radler schon frustrieren kann. So taugt die geplante Blümchenetappe trotz vorsichtiger Fahrweise nicht wirklich zur aktiven Erholung. Entschädigung fällt allerdings grandios aus. Erstens: Die drei Kugeln des Tages, erstanden in einer stinknormalen Bude an einer x-beliebigen Badebucht sind großes Kino. Beim Auffüllen der Wasserflaschen entdecken wir auch warum. Das Etikett „Homemade“ ist kein günstiges Geflunker, sondern ernst zu nehmen wie ein kroatischer Chartbreaker. Zweitens: Zwischen Sibenik und Trogir queren wir eine riesiges Olivenanbaugebiet, das tatsächlich wunderschöne Landschaft mit Radpassagen aus den Bilderbuch bietet. So abwechslungsreich, dass du vom Schalten Krämpfe in den Fingern bekommst. Mittendrin ein feines Gravelstück, und zum Abschluss eine kurvige Abfahrt durch einen steilwandigen Graben, der sich über drei Kilometer landstraßig nach unten schlängelt, dass du denkst: Kreuzung aus Bobbahn und Wilde Maus. Mama, Papa, ich will nochmal.
Heute die Jungs dermaßen kulturbeflissen, weil Etappenort ist Trogir. Weltkulturerbealarm. Wir kommen im Hotel Monika unter, wo schon der Name darauf hindeutet, dass die Verbindungen von Vater und Sohn Hotelier nach Deutschland sehr gut sind. So ist der internationale Tourismus. Manchmal ist Thüringen in der Überzahl. Im Ausmaß von mindestens einem Personenschiff, mit dem man eine einwöchige Rundreise durch die Inselwelt absolvieren kann. Tatsächlich ist der Ort absolut bemerkenswert. Das atmet Geschichte, kein Bauverbrechen nirgends. Offizielle Auslobung der Unesco: „Das rechtwinklige Straßenmuster dieser Inselsiedlung stammt aus hellenistischer Zeit und wurde von den nachfolgenden Herrschern mit zahlreichen schönen öffentlichen und privaten Gebäuden sowie Befestigungsanlagen verschönert.“ Und jetzt sag ich dir was: Das wirklich Besondere an dieser winzigen Altstadtinsel ist, dass zu dem, was die Unesco aufzählt, noch eine wichtiges Einrichtung dazu kommt. Genau dasselbe, das die Schöngeister auch bei Venedig übersehen: den Fußballplatz. HNK Trogir spielt zwar nicht eben hochklassig, Aber der Platz unter der Festung ist allein aufgrund der Kulisse eine Reise wert.
Höchste Zeit also für eine Würdigung des kroatischen Fußballgeschehens. Schließlich sind wir schon im Einzugsgebiet von Hajduk Split, diesen großen Verein, der schon mehr als zwei Jahrzehnte auf die Meisterschaft wartet. Ganz einfach: Weil der kroatische Serienmeister Dinamo erwiesenermaßen vom Staat unterstützt wurde. Das begann schon zu Zeiten von Tujman, dem ersten Präsi des selbstständigen Kroatien. Tudjam wollte einen starken Hauptstadtklub und bekam ihn auch, unter andere weil die Schiris nachhalfen, wenn Dinamo mal schwach war. Schon 1999 wurde Dokumente aus dem Umfeld des Präsidenten veröffentlicht, auf denen man schwarz auf weiß nachlesen konnte, wie Druck auf Verband und Schiris gemacht wurde. Damals hieß Dinamo noch Croatia, übrigens auch auf Wunsch von oberster Stelle. Kurz der Veröffentlichung ist Hajduk dreimal Meister geworden. Bis heute letztmalig. An der grundsätzlichen Bevorzugung von Dinamo hat sich nichts geändert. Obendrein hat der große Konkurrent Hajduk sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Der Klub lebte gewohnheitshalber über seine Verhältnisse. Ansichtssache, ob Hajduk eine Chance gehabt hätte, schließlich hatte auch Dinamo stattliche Skandale und dubiose Präsidenten, doch die Missstände in Zagreb bleiben stets sportlich folgenlos. Nur einmal hat das System Dinamo versagt. HJK Rijeka wurde damals Meister, einmal am Ende der Zehnerjahre. Seither Dinamo. Die Lage ist übersichtlich im kroatischen Spitzenfußball.
Von alledem ist der NK Trogir weit genug entfernt. Er spielt in der 1. Županijske nogometne lige Splitsko-dalmatinska – das ist die erste Liga auf Kreisebene im regionalen Fußballverband Split-Dalmatien. Leider hat die Spielzeit noch nicht begonnen. Noch ist überwiegend in Kroatien.
Erkenntnis des Tages: Bevor hier der Regen wirklich einsetzt, vollbringt der Himmel über der Küste merkwürdige Kunststücke. Er wirft pro halber Minute genau einen Tropfen auf dich runter. Über lange Zeit. Aus keiner Wolke. Ohne die Frequenz zu verändern. Sozusagen Niederschlag mit Entscheidungsschwäche. Das merkst du kaum. Soll ich oder soll ich nicht? Und alle halbe Minute eine neue Entscheidung. Und ein stattlicher Tropfen. Aber in seiner Einsamkeit zu wenig, als dass du Nässe auf dem Asphalt ablesen könntest. Kuriose Feuchtigkeit. Aber schon Niederschlag. Wut wummsigen Tropfen, aber Null Dunst. Praktisch ein Kubikmeter komprimierter Nebel. Bei klarer Luft. Ziemlich große Tropfen dafür, dass eigentlich nicht regnet. Man sagt die Eskimos hätten 50 Bezeichnungen für Schnee. Mich würde ernsthaft interessieren, wie dieser Niederschlag in der kroatischen Landessprache genannt wird. Wenn ich noch eine Bitte äußern dürfte: Die Antwort hätt ich gerne vertont. Sehr ernsthaft.