
30 Aug. Gleitmittel
Neues von den Balkanplatten, Etappe 8, Trogir – Omis, 50 km, 550 Höhenmeter.
Als Protokollant der Tour komme ich gerne dem mehrfachen Wunsch eines einzelnen Sportskameraden nach. Es soll mehr Erotik ins dieses Tagebuch. Wurde gewünscht. Nun ja. Weil ja immer irgendwas geht, muss in diesem Zusammenhang angeführt werden, dass wir gestern gegenüber des Weltkulturerbe-Erotikshops in Trogir übernachteten. Außerdem freuen wir uns täglich am Gleitmittel-Service des Sportskameraden Fritz, der uns zuverlässig die gute alte WD40 Kettenpflege auf die Kette gibt. Unser täglich Gleitmittel. Ziemlich stattliche Erotik-Einträge für ein Radlertagebuch, wenn man an die uralte Diskussion denkt, ob Radfahren eventuell, … vielleicht doch …. und sogar sehr wahrscheinlich impotent mache.
„Es gibt zwei Sorten männlicher Radfahrer. Die einen sind impotent, die Anderen werden es.“ Der Satz stammt angeblich vom amerikanischen Sexualmediziner Irwin Goldstein. Ihm zufolge wären vier Prozent aller Radfahrer impotent. Norwegische Forscher kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Häufigkeit von Impotenz und Penis-Taubheit im Radsport wäre größer als angenommen, sekundierten sie. Irgendwann am Ausgang des letzten Jahrhunderts.
Bereit für die Wahrheit? Alles Kokolores! Das kommt halt raus, wenn Forscher, die permanent unter Männergrippe leiden, sich um die Männergesundheit sorgen: Humbug! Und sollte tatsächlich untenrum taub werden, beim Strampeln, stimmt der Sattel nicht. So einfach. Wenn du jetzt selbst dazu forschst, wirst du noch einige Alt-Quellen entdecken, die das Gegenteil behaupten, aber so ist das halt: Radfahrern Impotenz zu bescheinigen, klickt eben gut. Die Schlagzeile „Radfahrer sind ganz normale Leute“, klickt deutlich weniger.
Wer’s wissenschaftlich will, bitteschön: Eine britische Studie mit 4000 Männern und eine saudiarabische mit über 5000 Männern liefert die Beweise: Nix dran. Die Barmer Ersatzkasse, und die muss es schließlich wissen, zieht einen Strich unter die Studienlage und stellt klar: Nix dran. Im Ersatzkassenwortlaut: „Trotz hartnäckiger Gerüchte: Auch regelmäßiges Rennradfahren schadet der Fruchtbarkeit nicht, wie aktuelle Daten zeigen. Auch kommt es durch das Radfahren normalerweise nicht zu Erektionsproblemen.“
Nur zur Ermüdung kommt es, wie ich wahrheitsgetreu hinzufügen will. Die Zeit, an sowas herumzurecherchieren, hab ich nur, weil heute Halbetappe wegen akutem Schlechtwetter. Zwei Regengebiete an der kroatischen Küste durchgezogen, keine halben Sachen. Da muss ich schon sagen: amtlicher als jede Hoteldusche. Aus Wolken, fett wie der blanke Bauch eines kroatischen Familienoberhaupts. Das muss man schon erwähnen dürfen: Praller Bauch wird hier mitunter vor sich her getragen, als wäre es ein Statussymbol. Und so soll es auch sein: Praktisch Gegenteil von Bodyshaming. Nichts zu dissen, schon gar nicht für uns Radlerspargel. Unter diesen Bauchwolken, jedenfalls, ist Weiterfahren durchaus gefährlich – und schon gar nicht förderlich für die Erotik.
Wenn ich grad dabei bin. Hat schon jemand mal gelesen: „Berufskraftfahrer impotent vom vielen Sitzen“? Es ist doch offensichtlich, dass hinter der Impotenzdiskussion bei Radlern wieder nur die Autofreaks mit ihren „Fuck you Greta“-Aufklebern stecken, die meinen, ein gespoilter Porsche würde ihren Penis verlängern. Zugegeben, ich komm drauf, weil wir gestern in Trogir einen gesehen haben. Ja, so einer mit Arschloch-Sound aus dem Auspuff. Und in Zeitlupe über die Temposchwellen. Weil er Angst hat, vor diesen Maulwurfshügeln, weil er nicht springen kann, der arme Zwerg. Und dann aber Sitzheizung auf 40 Grad, das Weichei. Was (Gottseidank) wirklich Kacke für seine Spermien ist.
Und weil ich den Bebber dieses international renommierten Volltrottels, Emerson Fittipaldi für Arme, persönlich nehme, gleich noch einige nützliche Informationen hinterher. Sauber recherchiert mit wissenschaftlicher Evidenz. Radfahrer haben sogar besser Sex als Recarositzfurzer. Wegen Kondition, wegen Durchblutung, wegen Top-Herzrhythmus und wegen so vieler anderer Nebenwirkungen der Fitness. Auch psychologisch sind Radfahrer im Vorteil. Überleg mal, was die alles für hässliche Trikots anziehen. Quietschbunt, um gesehen zu werden. Knalleng wegen der Aerodynamik. Wer sich wirklich traut, so im Straßenverkehr rumzufahren, also in aller Öffentlichkeit, muss schon ein gutes Verhältnis zu seinem Körper haben. Diese Schamlosigkeit hilft zweifelsohne beim guten Sex. Ganz im Gegensatz zum fetten Recarositzpupser. Wie die schon mit ihrem Hintern im Sitz hocken, Mannmann, praktisch festgesogen wie ein Saugnapf, ey, da klemmt der fette Bauch doch so fest zwischen Sitzschale und Lenkrad, dass sich schon rein physikalisch nix mehr regen kann. Und wenn man bedenkt, dass rein biologisch zwei dazu gehören. So kann das kann nix werden mit der Stellung. Und wer was anderes behauptet, möge es bitte mit einer wissenschaftlichen Studie belegen. Danke.
Erkenntnis des Tages: Ruhetage sind gefährlich. Die Rennfahrer auf den langen Etappenrennen klagen häufig, sie würde den Rennrhythmus verlieren. Rennradelnde Tagebuchschreiben verlieren sich gerne mal im Thema.